Jahrelang diente RCP8.5 als das düsterste Warnszenario der Klimaforschung: explodierende Emissionen, extreme Erwärmung, massive Schäden. Nun haben führende Forscher das Szenario aus der wichtigsten Klimamodell-Datenbank gestrichen — und das ist keine Entwarnung.
Was RCP8.5 war — und warum es so dominant wurde
RCP8.5 — der sogenannte „Representative Concentration Pathway 8.5″ — beschreibt seit seiner Einführung 2013 ein Worst-Case-Szenario für die globale Klimaentwicklung. Wie oe24 berichtet, setzt das Szenario voraus, dass die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre von heute 420 ppm auf 1.400 ppm ansteigt — eine Steigerung, die unter anderem eine Verfünffachung der Kohleverbrennung und den Bau von mehr als einem neuen Kohlekraftwerk pro Tag erfordern würde.
Trotz dieser extremen Annahmen dominierte RCP8.5 schnell die wissenschaftliche Berichterstattung, Klimareports und politische Strategiedokumente weltweit. Auch die österreichische Bundesregierung nutzte das Szenario laut oe24 in ihrer „Strategie zur Anpassung an den Klimawandel“.
Warum es jetzt gestrichen wurde
Wie oe24 unter Berufung auf Bild berichtet, fehlt RCP8.5 nun in der neuen Szenarien-Sammlung des World Climate Research Programme (WCRP) — ersetzt durch mildere und als realistischer eingestufte Annahmen.
Die Kritik ist nicht neu. Bereits 2014 warnte Klimawissenschaftler Justin Ritchie, dass RCP8.5 auf einem „systematischen Fehler“ beruhe — nämlich einem unrealistischen Kohle-Boom, für den es keinerlei Anzeichen gab. 2017 kam eine weitere Studie zum selben Ergebnis. Szenarien-Entwickler Detlef van Vuuren, einer der Väter der RCP-Methodik, bezeichnete RCP8.5 laut oe24 als „unplausibel“ und warnte früh, dass das Szenario in der öffentlichen Debatte falsch dargestellt werde. Selbst das UN-Klimasekretariat orientierte sich laut oe24 schon vor fünf Jahren eher am gemäßigteren Szenario RCP4.5 — das eine Erwärmung von rund drei Grad bis Ende des Jahrhunderts annimmt.
Keine Entwarnung — nur eine präzisere Warnung
Was die Streichung nicht bedeutet: dass der Klimawandel kein ernstes Problem mehr ist. Wie Klimaforscher Zeke Hausfather vom Berkeley Earth-Institut laut oe24 betont, bringen auch die realistischeren Szenarien erhebliche Risiken. Die Kontinente erwärmen sich stärker als der globale Durchschnitt. Dürren, Starkregen und steigende Meeresspiegel bleiben reale Gefahren — auch ohne das Extremszenario.
Das eigentliche Problem war nicht die Warnung, sondern ihre Überhöhung. Wer jahrelang mit einem Szenario argumentiert, das führende Forscher als unrealistisch einstufen, riskiert genau das Gegenteil des Gewünschten: Vertrauensverlust. Ein präziseres Bild der Risiken ist glaubwürdiger — und damit politisch wirksamer — als die düsterste vorstellbare Zukunft.
Neueste Kommentare