Eine Nacht, die Europa veränderte: Am 5. September 2015 öffneten Deutschland und Österreich ihre Grenzen für Tausende Flüchtlinge. Was als Notmaßnahme gedacht war, prägt die Politik bis heute.
Die Bilder gingen um die Welt: Erschöpfte Menschen, durchnässt vom Regen, überqueren zu Fuß die österreichische Grenze. Helfer verteilen warme Decken und Essen. Was in jener Septembernacht 2015 begann, sollte Europa für immer verändern.
Die Ruhe vor dem Sturm
Schon wochenlang war die Lage explosiv. Tausende Flüchtlinge, hauptsächlich aus dem kriegsgebeutelten Syrien, drängten täglich über die serbisch-ungarische Grenze. Ihr Ziel: Deutschland. Denn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hatte bereits angekündigt, das Dublin-Verfahren für Syrer auszusetzen – eine Rückführung in das Ersteinreiseland war damit vom Tisch.
Doch Ungarn spielte nicht mit. Wie oe24.at berichtet, ließ Budapest seit Tagen keine Flüchtlinge mehr in die Züge Richtung österreichische Grenze einsteigen. Der internationale Zugverkehr wurde teilweise komplett eingestellt. Als am Mittwoch doch Züge abfuhren, war das Ziel nicht Deutschland oder Österreich, sondern ungarische Flüchtlingslager. Die Reaktion: Hunderte traten in den Hungerstreik.
Der entscheidende Marsch
Am Freitagmittag, dem 4. September 2015, reichte es den Menschen. Tausende machten sich vom Budapester Ostbahnhof zu Fuß auf den Weg zur österreichischen Grenze – ein Marsch, der Geschichte schreiben sollte. Ein Versuch der ungarischen Polizei, den Zug kurz vor der Autobahnauffahrt zu stoppen, scheiterte kläglich.
In Wien ging zeitgleich ein brisantes Schreiben des ungarischen Botschafters ein. Die Nachricht war kurz und prägnant: Tausende sind unterwegs zu euch – wie sollen wir reagieren? Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) griff sofort zum Hörer und rief seine deutsche Amtskollegin Angela Merkel an.
Die historische Entscheidung
Was dann folgte, war laut der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ schnell entschieden: Beide Regierungschefs erkannten, dass der Marsch nur noch mit brutaler Gewalt zu stoppen wäre. Eine humanitäre Katastrophe drohte. Die Lösung: Die Grenzen mussten geöffnet werden.
Während Faymann und Merkel noch hofften, die Grenzöffnung bis Samstagvormittag hinauszuzögern, erhöhte Ungarn den Druck drastisch. Kanzleiminister Janos Lazar trat vor die Presse und verkündete: Noch in derselben Nacht würden hundert Busse die Flüchtlinge zur österreichischen Grenze bringen.
„Wir lassen niemanden im Stich“
Die damalige Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) erklärte vom Kloster St. Gabriel im Wienerwald aus noch am Abend: „Wenn sich diese Menschen nicht registrieren lassen und Gewalteskalationen drohen, dann werden sich unsere Polizisten nicht mit Gewalt entgegenstellen.“
Kurz nach Mitternacht war es soweit. Wie oe24.at berichtet, gab Faymann in Abstimmung mit Merkel und Ungarn die historische Grenzöffnung bekannt: „Aufgrund der Notlage an der ungarischen Grenze stimmen Österreich und Deutschland in diesem Fall einer Weiterreise der Flüchtlinge in ihre Länder zu.“ Eine Sprecherin Faymanns brachte es auf den Punkt: „Wir werden die Menschen in dieser Notsituation nicht im Stich lassen.“
Das Wochenende, das alles veränderte
Um 3 Uhr morgens traf der erste Flüchtlingsbus an der Grenze ein. Die Menschen mussten zu Fuß nach Österreich – dort erwarteten sie Helfer mit warmen Decken, Essen und Busse der ÖBB für die Weiterreise nach Deutschland. Bereits um 7 Uhr hatte die Polizei rund 3.000 Grenzübertritte registriert.
Die Bilanz des historischen Wochenendes, wie oe24.at dokumentiert: 15.000 Flüchtlinge überquerten die Grenze, aber nur 90 von ihnen stellten einen Asylantrag in Österreich. Der Rest reiste nach Deutschland weiter – ein Muster, das sich wochenlang fortsetzen sollte.
Von „Refugees Welcome“ zur Ernüchterung
Zunächst erfasste eine Welle der Hilfsbereitschaft das Land. Unter dem Motto „Refugees Welcome“ versorgten Freiwillige und Hilfsorganisationen die Menschen an den Bahnhöfen. Die ÖBB richteten Notunterkünfte ein.
Doch was als einmalige Notmaßnahme geplant war, wurde zur monatelangen Regel. Täglich erreichten rund 6.000 Menschen Österreich auf ihrem Weg nach Deutschland. Die anfängliche Euphorie wich schnell der Ernüchterung.
Das Ende der europäischen Einigkeit
Viktor Orban, der noch am Wochenende Druck auf Deutschland und Österreich ausgeübt hatte, wechselte plötzlich die Seiten. In der ORF-„Zeit im Bild“ kritisierte der ungarische Premier die Grenzöffnungen als Rechtsbruch. Österreich und Deutschland müssten ihre Grenzen wieder schließen, forderte er – ansonsten würden „mehrere Millionen“ Menschen nach Europa kommen.
Die Warnung sollte zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Ein Land nach dem anderen entlang der Balkanroute machte die Grenzen für Flüchtlinge dicht. Zäune entstanden, Grenzkontrollen wurden wieder eingeführt, die Schengen-Reisefreiheit faktisch aufgehoben.
Das Erbe einer Nacht
Zehn Jahre später dominiert die Migrationsfrage noch immer die europäische Politik. Was in jener Septembernacht 2015 als humanitärer Akt begann, spaltet bis heute die Meinungen. Gut eine Million Menschen fanden 2015 Schutz in Deutschland, 90.000 in Österreich.
Die Entscheidung von Faymann und Merkel ging als einer der umstrittensten politischen Beschlüsse der jüngeren europäischen Geschichte ein – je nach Standpunkt als Akt der Menschlichkeit oder als folgenschwerer Fehler bewertet. Unbestritten ist: Diese eine Nacht veränderte Europa für immer.
Credits: APA
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