Wie konnte eine Terror-Miliz wie die Hamas das hochgerüstete Israel derart überrumpeln? Zwei Jahre nach dem blutigsten Massaker an Juden seit dem Holocaust ist die Aufarbeitung in Israel noch immer nicht abgeschlossen. Schuldzuweisungen fliegen in alle Richtungen, während das Land nach Antworten sucht.
Die Frage, wie es am 7. Oktober 2023 zu einem so katastrophalen Versagen der Sicherheitskräfte kommen konnte, quält Israel bis heute. Wie Bild.de berichtet, streiten sich Regierung und Oberster Gerichtshof erbittert über die Zusammensetzung einer staatlichen Untersuchungskommission. Währenddessen zeigen interne Berichte und Eingeständnisse ein erschreckendes Bild von Fehleinschätzungen und Versäumnissen.
Wer übernimmt die Verantwortung?
Die Bereitschaft, Schuld einzugestehen, ist ungleich verteilt. An vorderster Front steht Ronen Bar, der damalige Chef des Inlandsgeheimdienstes Shin Beth. Laut Bild.de legte er bereits im März 2025 einen Untersuchungsbericht vor, in dem er das Versagen seiner Behörde unumwunden zugab. „Ich werde diese schwere Last mein ganzes Leben lang auf meinen Schultern tragen“, schrieb er dazu.
Ganz anders sieht es bei Regierungschef Benjamin Netanjahu aus. Er weist die Verantwortung von sich und schiebt sie den Sicherheitsbehörden zu. Seine Behauptung: Hätte ihn der Shin-Beth-Chef in den frühen Morgenstunden geweckt, wäre der Tag anders verlaufen.
Die fatale Fehleinschätzung
Der wohl größte Fehler war die grundlegende Fehleinschätzung der Bedrohungslage. Das gesamte israelische Sicherheitsestablishment hatte die Gefahr aus Gaza massiv unterschätzt. Man konzentrierte sich auf die Hisbollah-Miliz im Libanon, die mit ihrem gewaltigen Raketenarsenal als weitaus größere Bedrohung galt. Die meisten Truppen waren deshalb an der Nordgrenze stationiert.
Die vorherrschende Meinung war, dass die Hamas-Terroristen ihr Ziel, Israel zu vernichten, faktisch aufgegeben hätten. Eine zivile Untersuchungskommission, die von Angehörigen der Opfer ins Leben gerufen wurde, nennt dieses Vorgehen laut Bild.de „Arroganz und inhärente Blindheit“.
Technik-Gläubigkeit und Geld aus Katar
Diese Fehleinschätzung hatte verheerende Folgen. Man verließ sich an der Grenze zu Gaza fast ausschließlich auf technische Abwehrmaßnahmen wie Kameras, Alarmsysteme und Abfangraketen. Man übersah dabei völlig, wie die Hamas gezielt daran arbeitete, genau diese Systeme zu überwinden.
Gleichzeitig duldete die israelische Regierung, dass riesige Geldsummen aus Katar nach Gaza flossen. Das Kalkül war, dass die finanzielle Unterstützung die wirtschaftliche Lage verbessern und die Macht der Hamas zementieren würde, was Israel entlasten sollte. Dabei wurde ignoriert, wie viel von diesem Geld direkt in den Bau von Tunneln und die Produktion von Raketen für den nächsten großen Krieg floss.
Die letzten Stunden vor dem Angriff
In der Nacht zum 7. Oktober gab es deutliche Warnzeichen. Wie Bild.de berichtet, bemerkte der Shin Beth bereits um 1 Uhr nachts erhöhte Aktivitäten der Terroristen, konnte sich aber immer noch keinen ernsthaften Angriff vorstellen. Selbst als um 3:03 Uhr gemeldet wurde, dass Hamas-Brigaden plötzlich Tausende von SIM-Karten aktivierten, löste dies keinen Vollalarm aus. Ein ähnlicher Vorfall ein Jahr zuvor war folgenlos geblieben.
Besonders tragisch ist das Schicksal der Einheit 414. Die jungen, unbewaffneten Soldatinnen hatten den Grenzzaun wochenlang beobachtet und wiederholt davor gewarnt, dass Hamas-Patrouillen verdächtige Inspektionen durchführten. Doch ihre Warnungen wurden nicht gehört. Sie wurden zu den ersten Opfern des Terrorangriffs.
Erst um 4:30 Uhr entsandte der Shin Beth Sicherheitskräfte in den Süden – zu wenige, wie sich herausstellte. Die Armee erhöhte die Alarmstufe nur vorsichtig in der Luft und auf See, aber nicht am Boden. Man fürchtete, die Hamas könnte aufgeschreckt werden. Nur 15 Minuten bevor die Terroristen ihren mörderischen Angriff starteten, um 6:15 Uhr, wurde Netanjahus Militärsekretär über die unklare Lage informiert. Da war es bereits zu spät.
Quelle: BILD
Credits: APA
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