Die Welt befindet sich im geopolitischen Umbruch – und das hat tiefgreifende Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen. In einer Zeit von Handelskonflikten, wachsender Rohstoffabhängigkeit und neuen Bedrohungen durch Kriege und Cyberangriffe gewinnt die Frage der nationalen Sicherheit an wirtschaftlicher Relevanz.
Rohstoffunternehmen, die einst mit grünem Image warben – etwa durch ihren Beitrag zur Windkraft oder E-Mobilität –, werden nun zunehmend als strategisch wichtig für die Verteidigung gesehen, schreibt aktuell das Wall Street Journal.
Ein Beispiel: Die US-Firma Phoenix Tailings, spezialisiert auf seltene Erden, beliefert neben Herstellern von E-Autos mittlerweile auch die Rüstungsindustrie mit Materialien für F-35-Kampfjets und Raketentechnik. „Seltene Erden sind essenziell – für Windräder ebenso wie für moderne Waffensysteme“, sagt CEO Nicholas Myers. Angesichts geopolitischer Spannungen und Exportbeschränkungen durch China sei Versorgungssicherheit keine Option mehr, sondern Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit.
Europa rüstet auf – auch bei Mineralien
Auch Europa reagiert: Die EU-Kommission veröffentlichte kürzlich eine Liste mit 47 strategischen Rohstoffstandorten innerhalb der EU. Enthalten sind nun nicht nur Lithium und Kupfer für die Energiewende, sondern auch Magnesium und Wolfram – zentral für militärische Anwendungen.
„Mit der neuen Aufrüstung ist die Bedeutung von Rohstoffen in Europa weiter gewachsen“, erklärt Isabelle Dupraz vom Thinktank European Initiative for Energy Security. Die Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs habe Europas Verwundbarkeit deutlich gemacht – nicht nur in Bezug auf Gaslieferungen, sondern auch auf technologische Abhängigkeiten.
Verteidigung als neues Nachhaltigkeitsthema?
Traditionell galten Rüstungsunternehmen als Ausschlusskriterium für ESG-Fonds (Environmental, Social, Governance). Doch nun denken viele Investoren um: Eine starke nationale Verteidigung und stabile Energieversorgung gelten zunehmend als Teil einer resilienten, nachhaltigen Wirtschaftsstruktur.
Der britische Klimaexperte Laurie Laybourn bringt es auf den Punkt: „Unsere Sicherheit hängt genauso von Panzern und Nuklearwaffen ab wie von Energieunabhängigkeit.“ Und die lasse sich – so das neue Narrativ – mit Solar- und Windkraft innerhalb nationaler Grenzen stärken.
Tatsächlich zeigt eine Analyse von Morningstar Sustainalytics, dass nachhaltige Fonds mit Rüstungsanteil im ersten Quartal deutlich besser abschnitten als vergleichbare Fonds ohne solche Investitionen – mit Renditen von teils über 10 Prozent.
Neue Allianzen zwischen Start-ups und Militär
Start-ups wie das schwedische Wingbits, ursprünglich mit dem Ziel gegründet, den Treibstoffverbrauch von Flugzeugen zu senken, melden inzwischen Nachfrage von Militärakteuren. Deren Interesse gilt insbesondere der Fähigkeit, GPS-Störungen durch feindliche Systeme zu erkennen – ein relevantes Thema etwa im Luftraum über der Ukraine.
„Man muss wissen, wo man fliegt – und ob jemand versucht, das Signal zu stören“, sagt Wingbits-Mitgründer Robin Wingårdh. Verteidigung und Energiewende seien keine Gegensätze mehr, sondern zunehmend zwei Seiten derselben Medaille.
Klima als Konflikttreiber
Der niederländische General Tom Middendorp, einst Oberbefehlshaber der Streitkräfte, sieht zudem einen direkten Zusammenhang zwischen Klimawandel und wachsenden Konflikten. In Afghanistan etwa habe Wassermangel Spannungen zwischen Bauern verschärft – ein Nährboden für Extremismus.
„Wenn der Klimawandel unsere Sicherheitslage heute schon beeinflusst, wird er das in Zukunft noch viel stärker tun“, warnt Middendorp. Deshalb müsse Verteidigungspolitik künftig strategischer und klimagerechter gedacht werden.
Die Grenzen zwischen Verteidigung, Klima und Wirtschaft verwischen zunehmend. Während China und Russland globalen Druck ausüben, positionieren sich westliche Staaten neu – nicht nur militärisch, sondern auch strategisch-ökonomisch. Für Investoren öffnet sich ein neues Feld: nachhaltige Sicherheitspolitik. Was lange als Widerspruch galt, soll zum neuen Paradigma werden – zumindest möchten das die Rüstungsindustrie und alle Profiteure einer Aufrüstungs-Welle so.
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