Antisemitismus-Bilanz: Muslimischer Hintergrund am häufigsten – “Der Ausnahmezustand ist Alltag”

Antisemitismus-Bilanz: Muslimischer Hintergrund am häufigsten – “Der Ausnahmezustand ist Alltag”

Weniger als im Vorjahr, aber immer noch mehr als doppelt so viele wie vor dem 7. Oktober 2023: Die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) hat im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 671 antisemitische Vorfälle dokumentiert. Am häufigsten ordnete sie die Vorfälle einem muslimischen Hintergrund zu.

Von Massenzuschriften bis zu Angriffen

Unter den 671 Fällen waren laut IKG zwölf physische Angriffe, 18 Bedrohungen und 68 Sachbeschädigungen, wie die APA berichtet. Den größten Anteil machen 347 Fälle verletzenden Verhaltens und 226 Massenzuschriften aus. Im ersten Halbjahr 2025 waren es 726 Vorfälle, ein leichter Rückgang also. Vor dem Hamas-Terrorangriff im Oktober 2023 lag die Zahl im ersten Halbjahr allerdings noch bei 311. “Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich nicht nur die Grenze des Sagbaren, sondern auch des Machbaren verschoben”, sagt IKG-Präsident Oskar Deutsch. “Auf antisemitische Worte folgen Drohungen und Angriffe gegen Jüdinnen und Juden. Der Ausnahmezustand ist Alltag.”

Wer dahintersteht

Erstmals schlüsselt die Bilanz die Vorfälle auch nach ideologischem Hintergrund auf, soweit eine Zuordnung möglich war. 191 Vorfälle hatten laut Einschätzung der Meldestelle einen muslimischen Hintergrund, 162 einen linken und 147 einen rechten. Bei 171 Fällen war keine eindeutige Zuordnung möglich. Damit stammt rund ein Viertel bis ein Drittel der zuordenbaren Vorfälle aus jeder der drei Richtungen, wobei der muslimisch motivierte Antisemitismus vorne liegt.

Wenn der Nahe Osten in Wien ankommt

Wie direkt internationale Ereignisse durchschlagen, zeigt laut IKG der Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite. In den zwei Wochen nach Kriegsbeginn am 28. Februar registrierte die Meldestelle fast doppelt so viele Vorfälle wie in den zwei Wochen davor. Der März wurde mit 152 Fällen zum meldestärksten Monat des Halbjahres. Auch im Mai blieb die Zahl hoch, in einem Monat, in den der Eurovision Song Contest in Wien und die Berichterstattung über die Gaza-Flotilla fielen.

Bauer nimmt Glaubensgemeinschaft in die Pflicht

Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP) nannte die Zahlen “beschämend”. “Radikale Strömungen sind Gift für unser Zusammenleben, egal ob dieser Extremismus von links, rechts oder dem Islam kommt”, erklärte sie schriftlich. “Es ist aber schon mehr als bedenklich, wenn ein weiteres Mal der muslimische Antisemitismus mit Abstand auf Platz 1 liegt. Hier ist die Glaubensgemeinschaft in Verantwortung.” Bauer verhandelt derzeit in der Koalition ein 24-Punkte-Papier gegen den politischen Islam.

Pröll: “Kein Grund zur Entwarnung”

Auch Staatssekretär Alexander Pröll (ÖVP), im Kanzleramt unter anderem für den Kampf gegen Antisemitismus zuständig, sieht trotz des leichten Rückgangs keinen Anlass zur Entwarnung. “Jüdinnen und Juden dürfen niemals für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden”, sagte er. Die Regierung werde die Nationale Strategie gegen Antisemitismus “konsequent fortsetzen”. Das Ziel: “dass Jüdinnen und Juden in Österreich sicher, frei und ohne Angst leben können”.

Credits: BKA/Regina Aigner

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