74 Prozent der Europäer halten die EU-Mitgliedschaft für vorteilhaft – so viele wie noch nie. Auch in Österreich wächst die EU-Zustimmung. Doch hinter den positiven Zahlen steckt ein ambivalentes Bild.
EU-Mitgliedschaft so beliebt wie nie
Laut einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage im Auftrag des EU-Parlaments, bei der europaweit 26.421 Personen im April und Mai 2026 befragt wurden – in Österreich 1.003 Personen – halten EU-weit 74 Prozent die Mitgliedschaft ihres Landes in der Europäischen Union für vorteilhaft, wie oe24 berichtet. Das ist ein historischer Höchstwert. In Österreich sind 62 Prozent dieser Ansicht – zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und acht Prozentpunkte mehr als noch vor fünf Jahren. Drei Viertel der Österreicher – 76 Prozent – sehen die EU laut oe24 als Ort der Stabilität in einer unsicheren Welt.
Wirtschaft vor Frieden: Was die Österreicher der EU zuguteschreiben
Dass die EU zur Stärkung von Frieden und Sicherheit beiträgt, glauben laut oe24 EU-weit 40 Prozent, in Österreich 38 Prozent. Als wichtigere Vorteile gelten für Österreicher konkrete wirtschaftliche Aspekte: 33 Prozent nennen den Beitrag der EU zu Wirtschaftswachstum, 30 Prozent neue Arbeitsmöglichkeiten, 27 Prozent die verbesserte Zusammenarbeit mit anderen EU-Staaten. Die Sicherheitsdimension rangiert damit in Österreich deutlich hinter wirtschaftlichen Aspekten – ein Befund, der angesichts des Ukraine-Kriegs vor der Haustür überrascht.
Positive EU-Zukunft, düstere Weltlage
Für die Zukunft der EU zeigen sich laut oe24 59 Prozent EU-weit und 58 Prozent in Österreich optimistisch. Bei der Zukunft der Welt insgesamt dreht sich das Bild aber um: 58 Prozent der Europäer sehen sie pessimistisch – in Österreich immerhin jeder Zweite. Deutlich positiver fällt der Blick auf das unmittelbare Umfeld aus: 69 Prozent der Österreicher sind laut oe24 optimistisch für die Zukunft ihres eigenen Landes, 81 Prozent für ihre eigene Familie oder sich selbst. „Unsicherheit“ ist sowohl EU-weit als auch in Österreich der vorherrschende emotionale Zustand – unter fast der Hälfte der Befragten.
Energie vor Verteidigung: Österreichs Prioritäten für die EU
Um die EU global zu stärken, nennen 39 Prozent EU-weit Verteidigung und Sicherheit als wichtigstes Anliegen, wie oe24 berichtet. In Österreich liegt dieser Wert mit 32 Prozent niedriger – und wird noch von einem anderen Thema übertroffen: 33 Prozent der Österreicher priorisieren Energieunabhängigkeit und Rohstoffautarkie. Hintergrund ist die nach dem Russland-Gasschock gestiegene Sensibilität für Versorgungssicherheit. 60 Prozent der Befragten EU-weit, aber nur 49 Prozent in Österreich wünschen sich eine stärkere Rolle für das Europaparlament.
Lebensqualität hoch, aber Lebenshaltungskosten als Hauptsorge
Trotz aller Unsicherheit zeigt die Umfrage laut oe24 eine hohe Lebenszufriedenheit: 83 Prozent EU-weit und 85 Prozent in Österreich sind mit ihrer Lebensqualität zufrieden. Gleichzeitig glauben 38 Prozent der Österreicher, dass sich ihr Lebensstandard in den nächsten fünf Jahren verschlechtern wird – 46 Prozent erwarten keine Änderung. Als wichtigstes Anliegen für die Verbesserung der Lebensqualität nennen 43 Prozent der Österreicher die finanzielle Bewältigung der Lebenshaltungskosten.
EINORDNUNG DER REDAKTION
Das Allzeithoch bei der EU-Zustimmung ist bemerkenswert – und dürfte kein Zufall sein: Der Ukraine-Krieg, die Trump-Präsidentschaft und die geopolitische Unsicherheit haben viele Europäer näher an die EU-Idee herangeführt, weil die Alternative – ein fragmentiertes, ungeschütztes Europa – greifbarer geworden ist. Dass ausgerechnet Österreich, das traditionell zu den EU-skeptischeren Ländern zählte, nun mit 62 Prozent so hohe Zustimmungswerte zeigt, ist ein starkes Signal. Gleichzeitig zeigen die Zahlen zur Weltlage und zu den Lebenshaltungskosten: Die EU-Begeisterung hat klare Grenzen. Wenn 38 Prozent der Österreicher eine Verschlechterung ihres Lebensstandards erwarten und die Lebenshaltungskosten das drängendste persönliche Anliegen sind, hängt die EU-Zustimmung auch davon ab, ob Brüssel bei diesen Themen liefert.
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