AK-Chefin Anderl: „Gesagt ist gesagt!“ – Kritik an Stocker und der eigenen Partei

AK-Chefin Anderl: „Gesagt ist gesagt!“ – Kritik an Stocker und der eigenen Partei

Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl nimmt nach dem Kinderbetreuungs-Sager von Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) kein Blatt vor den Mund – und teilt dabei nicht nur gegen den Regierungschef aus, sondern übt auch scharfe Kritik an der eigenen Partei, der SPÖ.

„Unfassbare Aussage“

Stocker hatte während seiner Sommertour in Salzburg mit dem Satz „Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen, sage ich Ihnen ganz ehrlich“ für heftige Empörung gesorgt, wie Heute.at bereits berichtete. Im Ö1-Journal bezeichnete Anderl diese Aussage unmissverständlich als „unfassbar“. Ihre Gegenrechnung: „Jeder der Kinder hat, weiß, dass es eine Hundsarbeit ist. Ja, es ist eine schöne Arbeit, aber unbezahlt und es gibt keine Zeitgrenze. Wenn es gar keine Arbeit wäre, frage ich mich, warum immer noch der Großteil der Frauen die Arbeit übernimmt. Wo sind die Männer, wenn es gar keine Arbeit ist? Darüber sollte man sich Kopf zerbrechen“, so die AK-Präsidentin.

Entschuldigung ja, aber nicht genug

Inzwischen hatte Stocker öffentlich zurückgerudert: „Ein Satz von mir sorgt gerade für Diskussionen. Zu Recht, denn er ist falsch.“ Anderl erkennt diese Entschuldigung zwar grundsätzlich an, lässt den Kanzler damit aber nicht vollständig vom Haken: „Gesagt ist gesagt. Was da ist, wird nicht so leicht verschwinden.“ Für sie dürfe es nicht bei leeren Worten bleiben: „Es müssen Taten folgen und Forderungen umgesetzt werden.“

Konkrete Forderung: Rechtsanspruch für Teilzeitbeschäftigte

Besonders in den Fokus rückt Anderl dabei die Situation von Frauen in Teilzeitarbeit. Viele davon würden nicht freiwillig weniger Stunden arbeiten, gleichzeitig müssten Teilzeitbeschäftigte teilweise Leistungen erbringen, die mit einer Vollzeitbeschäftigung vergleichbar seien. Ihre konkrete Forderung: ein gesetzlicher Rechtsanspruch auf Aufstockung der Arbeitszeit für Beschäftigte, die regelmäßig Mehrarbeit leisten.

Auch Kritik an der eigenen Partei

Im selben Interview äußerte sich Anderl auch zur aktuellen internen Unruhe innerhalb der SPÖ. Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil hatte angesichts schlechter Umfragewerte zuletzt scharfe Kritik an Parteichef Andreas Babler geübt und erklärt, die SPÖ entwickle sich „in Richtung Kleinstpartei“. Von öffentlichen Personaldebatten dieser Art hält die AK-Präsidentin wenig: „Über das ein oder andere kann man diskutieren. Insgesamt stört mich jedoch, dass diese Dinge nicht dort diskutiert werden, wo sie zu diskutieren wären.“ Sie verweist dabei auf den zuständigen Bundesparteivorstand: „Das fehlt mir bei der Sozialdemokratie, dass wir nicht geschlossen unterwegs sind. Ob das dienlich ist, bezweifle ich.“

Neun Bundesländer, eine Sprache gefordert

Schlechte Wahlergebnisse und Umfragewerte seien für Anderl nicht allein an einer einzelnen Person festzumachen. Entscheidend sei vielmehr, dass die Partei geschlossen auftrete und ihre umgesetzten Themen nach außen klar kommuniziere. Dabei sieht sie nicht nur die Bundesparteispitze in der Verantwortung: „Wir haben neun Bundesländer und neun Parteivorsitzende. Alle müssen die gleiche Sprache sprechen und den Druck nicht nur auf die Parteispitze ausüben. Wir müssen aufzeigen, wofür die SPÖ steht und welche Parteien unsere Forderungen verhindern.“ Zur Personalfrage rund um Babler selbst will sich Anderl öffentlich nicht festlegen: „Das ist ein Thema, das im Gremium besprochen wird, und nicht im Radio oder Fernsehen.“

Zwei Baustellen, ein gemeinsamer Auftritt

Mit ihrer doppelten Kritik – scharfe Worte gegen den Kanzler, aber auch mahnende Töne in Richtung der eigenen Partei – positioniert sich Anderl als eigenständige Stimme, die sich weder dem türkisen Regierungschef noch der parteiinternen Personaldebatte unterordnet. Ob ihre konkreten Forderungen zu Teilzeitarbeit tatsächlich politische Folgen haben, bleibt vorerst offen.

Credits: Sebastian Philipp

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest

0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x