550.000 Migranten in Libyen – Expertin warnt: Europa muss sich vorbereiten

550.000 Migranten in Libyen – Expertin warnt: Europa muss sich vorbereiten

Die Zahl irregulärer Grenzübertritte in die EU ist zuletzt deutlich gesunken. Doch die Ruhe könnte trügerisch sein: Sicherheitsexpertin Hager Ali warnt im Interview mit der NZZ vor einem neuen Migrationsschub – und nennt klare Ursachen dafür.

550.000 warten in Libyen – nur auf den richtigen Moment

Wie die Neue Zürcher Zeitung in einem Interview mit Hager Ali berichtet, hat der griechische Migrationsminister Thanos Plevris jüngst vor einer alarmierenden Zahl gewarnt: Rund 550.000 Migranten befänden sich derzeit in Libyen und warteten auf eine Überfahrt nach Europa. Der Rückgang der tatsächlichen Grenzübertritte – im ersten Quartal 2026 um etwa 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum – erklärt sich laut Ali vor allem mit dem Wetter und der verstärkten Kooperation der EU mit nordafrikanischen Ländern. Das löst das strukturelle Problem jedoch nicht. Viele Migranten warteten laut Ali auf den richtigen Moment, andere versuchten in Libyen Geld für die Weiterreise zu verdienen.

Mehrere Krisenherde befeuern den Druck

Wie Hager Ali gegenüber der NZZ erklärt, sind die Triebkräfte der aktuellen Migrationsbewegungen vielfältig. Neben dem laufenden Krieg im Iran – der seit Ende Februar 2026 mit israelischen und US-amerikanischen Angriffen auf iranische Militär- und Atomanlagen eskaliert ist – sorge der anhaltende Bürgerkrieg im Sudan für massenhafte Fluchtbewegungen. Laut ZDF heute journal gibt es allein im Sudan fast 12 bis 14 Millionen Vertriebene, fast 34 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Auch Westafrika, besonders Mali, brodelt: Jihadistische Gruppen breiten sich dort wieder aus, seit Deutschland, Frankreich und die USA ihre Präsenz im Sahel reduziert haben.

Russland als stiller Profiteur

Wie Hager Ali im NZZ-Interview weiter ausführt, ging Russlands Afrikastrategie dabei gut auf: Das sogenannte Afrikakorps – Nachfolgeorganisation der Wagner-Gruppe – sorge mit Gewalt für profitable Instabilität in einer Region, die Fluchtbewegungen nach Europa fördere. Das sei kein Zufall, sondern Kalkül.

Ja, Europa muss sich vorbereiten

Auf die Frage, ob Europa mit einem neuen Flüchtlingsstrom rechnen müsse, antwortet Hager Ali gegenüber der NZZ unmissverständlich: „Ja, denn das ist die Konsequenz von Konflikten und Instabilität in der Region.“ Dieses Jahr stünden in Afrika noch elf Wahlen an – darunter in Äthiopien, Somalia und dem Südsudan. Gerade dort seien Wahlen mit hohem Risiko verbunden: verschärfte Sicherheitsmaßnahmen, Verfolgung politischer Dissidenten, potenzielle Fluchtbewegungen. Hager Ali ist Sicherheits- und Entwicklungsexpertin und forscht am Hamburger GIGA-Institut sowie bei Middle East Minds zu Nordafrika, dem Sahel und dem Nahen Osten.

Credits: APA

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest

0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x