500 Seiten gegen Rechts — und niemand fragt, was links passiert

500 Seiten gegen Rechts — und niemand fragt, was links passiert

500 Seiten Rechtsextremismus. Kein einziger über Linksextremismus. Das ist keine Kritik an der Wissenschaft — es ist eine Kritik an der Einseitigkeit einer Debatte, die sich selbst für ausgewogen hält.

Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes hat ein neues Standardwerk vorgelegt. Gut so. Rechtsextremismus ist real, er nimmt zu, und das DÖW macht seine Arbeit seit Jahrzehnten seriös. Die Zahlen des Verfassungsschutzberichts bestätigen das: 1.986 rechtsextreme Tathandlungen im Jahr 2025. Das ist keine Erfindung linker Aktivisten. Das ist staatlich erfasste Realität.

Aber da ist ein Satz im Vorwort, der nachdenklich macht. DÖW-Leiter Kranebitter erklärt, man wolle Menschen eine „Handreichung“ geben gegen die „schleichende Normalisierung von Rechtsextremismus“. Ein edler Anspruch. Nur: Wer normalisiert wen gerade?

Die andere Normalisierung

Während das DÖW Handbücher gegen Rechts schreibt, findet in Österreich und Europa gerade eine andere Normalisierung statt — still, institutionell, gut gefördert.

Universitäten, die Wissenschaftler canceln, weil ihre Forschungsergebnisse nicht zum gewünschten Narrativ passen. Medienredaktionen, die Selbstzensur üben, weil bestimmte Aussagen zu einer sofortigen Kategorisierung führen. Schulbücher, die Globalisierung als Geißel darstellen — wie Agenda-Austria-Chef Schellhorn gerade wieder aufgezeigt hat. Kindergärten, in denen Vierjährigen Genderunterricht erteilt wird. Eine Außenministerin, die die österreichische Neutralität als „Feigenblatt“ bezeichnet — während dieselbe Debatte, würde sie von rechts geführt, sofort ins Extremismus-Register käme.

Und wer das alles laut ausspricht, ist vorsichtig: Denn das Benennen von linken Gesellschaftsideologien als Problem führt in österreichischen Qualitätsmedien regelmäßig zur Einordnung als rechtspopulistisch — oder schlimmer.

Das Overton-Fenster schiebt sich

Es gibt ein Konzept in der Politikwissenschaft, das das Phänomen beschreibt: das Overton-Fenster. Es bezeichnet den Bereich politischer Ideen, die in einer Gesellschaft als normal und diskutabel gelten — und alles außerhalb davon als extrem.

Dieses Fenster verschiebt sich. Immer. In alle Richtungen. Die Frage ist nur, wer das Verschieben benennen darf und wer nicht.

Das DÖW darf das für den Rechtsextremismus tun — staatlich gefördert, breit rezipiert, politisch abgesegnet von Bundespräsident, Bürgermeister und Ministerin. Für die andere Richtung gibt es kein analoges Institut, kein Handbuch, keine Pressekonferenz mit Van der Bellen im Vorwort.

Was das bedeutet

Das bedeutet nicht, dass Rechtsextremismus kein Problem ist. Er ist eines. Es bedeutet nicht, dass das DÖW schlechte Arbeit leistet. Es leistet gute.

Es bedeutet, dass eine Gesellschaft, die nur einen Teil ihres Extremismusproblems systematisch dokumentiert, kartiert und öffentlich bekämpft, sich selbst keine ehrliche Bestandsaufnahme liefert. Und dass eine Debatte, in der man für das Benennen linker Ideologie als Ideologie sofort in eine Schublade gesteckt wird, keine freie Debatte mehr ist.

Die „schleichende Normalisierung“, vor der Kranebitter warnt — sie findet statt. Nur vielleicht nicht nur in der Richtung, auf die sein Handbuch zeigt.

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