Mehr als 421.000 E-Mails, gestohlen und online gestellt: Der Datenleak bei der AfD gewährt seltene Einblicke ins Innenleben der Partei. Für Österreich besonders interessant ist eine Spur, die nach Wien führt. Laut dem “Standard” schickte die heutige AfD-Chefin Alice Weidel dem FPÖ-Politiker Harald Vilimsky 2016 vorbereitete Sätze für einen Vortrag – inklusive Spitzen gegen “Hinterbänkler”, die laut “Standard” auf eigene Parteikollegen zielten.
“Wie bereits per SMS antizipiert”
Im November 2016 sollte Vilimsky, damals FPÖ-Generalsekretär und EU-Abgeordneter, bei der AfD zum Thema “Der Aufstieg der FPÖ und was die AfD daraus lernen kann” sprechen. Laut einer geleakten Mail, die der “Standard” nach eigenen Angaben mit den Originalen aus dem Leak abgeglichen hat, schickte Weidel ihm dafür gleich Talking Points, “wie bereits per SMS am 19.10. antizipiert”. Der Vortrag sollte eine “scharfe und konsequente Abgrenzung nach rechts außen” enthalten und die “Wichtigkeit von gerade intellektuellen, brillanten und jüngeren Abgeordneten mit klaren Kompetenzprofilen” betonen, versehen mit einem Smiley.
“Hinterbänkler oder zu nichts taugen”
Deutlicher wurde Weidel bei dem, was Vilimsky über andere sagen sollte. Er möge die “Schädlichkeit von Leuten mit Fundamentaloppositionsansätzen” hervorheben, “die als Abgeordnete nur als Hinterbänkler oder zu nichts taugen, und nicht einmal Team-fähig sind und letztlich den politischen Betrieb aufhalten”. Namen nennt die Mail nicht. Der “Standard” interpretiert sie so, dass Weidel Vilimsky nutzen wollte, um die eigene Position zu stärken und Kollegen “verbal abzuwatschen”. Ob Vilimsky die Sätze tatsächlich verwendet hat, geht aus dem Bericht nicht hervor. Eine Stellungnahme von ihm liegt bisher nicht vor.
Ein Treffen in Wien
Ein gutes halbes Jahr später, im Juni 2017, trafen Weidel und AfD-Mitgründer Alexander Gauland, damals bereits als Spitzenduo für die Bundestagswahl gekürt, in Wien Vilimsky, FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer. “Die beiden sind top. Jetzt gilt es noch, die Geschlossenheit der gesamten Führung sichtbar zu machen”, sagte Vilimsky damals über Weidel und Gauland. Strache meinte, interne Geschlossenheit könne für die AfD “mittelfristig denselben Erfolgsweg” bedeuten wie für die FPÖ.
Streit um die FPÖ
Dass die Nähe zur FPÖ in der AfD lange umstritten war, zeigen weitere Mails. Schon im Februar 2016 stritten Funktionäre laut “Standard” darüber, wie weit die Zusammenarbeit gehen sollte. Ein Mitglied des Bundesvorstands warnte davor, ohne Diskussion “bundesweit Fakten” zu schaffen. Als die damalige Parteichefin Frauke Petry im Juni 2016 Strache traf, ohne den Bundesvorstand zu informieren, war die Empörung groß. “Ich verstehe nicht, warum wir darüber aus der Presse erfahren”, schrieb ein Funktionär. Beatrix von Storch antwortete knapp: “Ich verstehe sehr genau, warum wir daraus aus der Presse erfahren.” Kurz vor dem Wiener Treffen 2017 bot zudem Hansjörg Müller, der damals als Sprecher des prorussischen AfD-Mittelstandsforums galt, an, seine “hochkarätigen Russlandkontakte” der neuen Parteispitze zur Verfügung zu stellen. Vor einer Moskau-Reise wollte er sich auch mit dem damaligen FPÖ-Vizechef Johann Gudenus treffen.
Was der Leak sonst zeigt
Der Datensatz umfasst laut “Bild” 421.179 Mails aus den Jahren 2014 bis 2026. Laut “Standard” finden sich darin zahlreiche Hinweise auf rassistisches bis antisemitisches Gedankengut, etwa Diskussionen über Parteiausschlüsse wegen rechtsextremer Verfehlungen oder die Warnung vor einem Mitglied, das an einem Infostand eine Hakenkreuzfahne verkauft haben soll. Die AfD hat den Datenabfluss bestätigt und kündigt an, mit den Behörden gegen die Täter vorzugehen. Sie warnt zugleich vor “bedenklichen Fälschungen” im Konvolut. Laut “Standard” könnten die Daten die Debatte über ein Verbotsverfahren gegen die AfD neu befeuern, die in Umfragen derzeit stärkste Partei Deutschlands ist.
Credits: Thomas Köhler / photothek
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