Zwangstätowiert, misshandelt, obdachlos – und heute Hoffnungsspender für Menschen ohne Zuhause

Zwangstätowiert, misshandelt, obdachlos – und heute Hoffnungsspender für Menschen ohne Zuhause

Unter dem Titel „Leben am Rand“ erscheinen auf exxtra24.at ab sofort jeden Sonntag Gastbeiträge von Walter Gerhard Kreische, der mit seinem Verein Obdachlosenhilfsaktion.at in Ansfelden/OÖ seit Jahren Menschen unterstützt, die am Rand der Gesellschaft stehen. Seine eigene Lebensgeschichte ist geprägt von schwersten Schicksalsschlägen – genau daraus schöpft er bis heute die Kraft, anderen zu helfen.

Kindheit voller Brüche

Walter Gerhard Kreische wurde am 31. Juli 1963 in Braunau am Inn geboren – als eines von acht Kindern. Seine Mutter litt unter einer schweren psychischen Erkrankung, sein Vater war Alkoholiker. Die Familie war von Gewalt und Hoffnungslosigkeit überschattet. In dieser Zeit kam es zu dramatischen Vorfällen: Drei Babys warf die Mutter im Säuglingsalter aus einem fahrenden Zug – alle überlebten.

Walter selbst kam bereits im Alter von einer Woche zu Pflegeeltern in Ranshofen. Diese Familie hatte selbst zwölf Kinder und bereits ein Pflegekind aufgenommen. Er wurde das zweite. Doch Stabilität erlebte er dort nicht: Auf Anordnung einer Fürsorgerin durfte er nur ein halbes Jahr bei den Pflegeeltern bleiben, das andere halbe Jahr musste er im Heim verbringen. Ein ständiges Hin und Her – ohne echtes Zuhause.

Jugend zwischen Angst und Gewalt

Als Walter in die Pubertät kam, waren seine Pflegeeltern bereits über sechzig Jahre alt. Verständnis fand er dort kaum. Seine Reaktion auf Probleme beschrieb er später so:

„Mit dem Kopf durch die Mauer – koste es, was es wolle.“

Von der Fürsorgerin wurde er über Jahre eingeschüchtert. Immer wieder drohte sie, ihn ins Heim zu bringen, wo auch sein leiblicher Bruder gewesen war – schwer misshandelt, bis zur Entmündigung. Schließlich kam es so weit: Walter wurde in die Landesnervenklinik Salzburg gebracht, dort ruhiggestellt und kurz darauf in die geschlossene Abteilung des Linzer WJ-Krankenhauses verlegt – gemeinsam mit Mördern und Schwerverbrechern.

Seine Zeit im Heim beschreibt er als Tortur: Zwangstätowierungen, sexueller Missbrauch, brutale Gewalt. Er wurde wie ein „Tanzbär“ geschlagen, erniedrigt und misshandelt.

Mit 18 auf der Straße

An seinem 18. Geburtstag, am 31. Juli 1981, wurde Walter aus dem Heim entlassen. In der Hand: 1.250 Schilling, aber keine Wohnung, keine Arbeit, keine Unterstützung. Innerhalb weniger Tage war das Geld verbraucht. Drei Wochen lebte er in Braunau unter der Innbrücke, beim Minigolfplatz – obdachlos.

Die Wendung brachte ein Zufall: Ein Schausteller suchte Hilfe bei seinem Autodrom. Walter heuerte an – das Ende seiner ersten Obdachlosigkeit.

Vom Bundesheer zum DJ

Später, während seiner Bundesheerzeit in Mautern an der Donau, arbeitete er als Ordonanz. Dort lernte er den Gastronom Franz Berger kennen, bei dem er erstmals als DJ auflegte. Dieser Schritt führte ihn in eine neue Karriere: Fast 20 Jahre lang war er Profi-DJ in ganz Europa, gebucht über drei verschiedene Agenturen.

Doch 1995 kam der Absturz. Walter war inzwischen schwer alkoholkrank. Am 3. Januar 1995 zog er die Reißleine: Er schwor dem Alkohol ab – ein Entschluss, den er bis heute durchhält. Über 30 Jahre ist er trocken.

Neuer Weg, neue Aufgabe

Nach dem Ende seiner DJ-Laufbahn machte Walter den LKW-Führerschein und arbeitete als Fernfahrer. Doch gesundheitliche Probleme – eine Polyneuropathie, die ihn morphiumpflichtig machte – führten schließlich dazu, dass er in die IV-Pension gehen musste.

Ruhe fand er dort nicht. Gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin begann er, Obdachlosen zu helfen. 2016 gründete er offiziell den Verein „Obdachlosenhilfsaktion.at“, nachdem er bereits fünf Jahre lang privat aktiv gewesen war.

Aufarbeitung einer schweren Vergangenheit

Parallel dazu verarbeitete Walter seine Geschichte in Gedichten und Texten – für sich selbst, als Form der Selbsttherapie. Zwischen 2009 und 2012 kam die Opferschutzkommission ins Spiel: Sie brachte das Unrecht im Erziehungsheim Wegscheid ans Licht. Walter berichtete von Gewalt, sadistischen Erziehern und systematischem Missbrauch, der heute mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet würde.

Als Opfer sexuellen Missbrauchs erhielt er eine Entschädigung von 25.000 Euro. Doch die verlorenen Jahre ohne Versicherung im Heim fehlen ihm bis heute in seiner Pension. Einen Großteil des Geldes investierte er, um seine Zwangstätowierungen entfernen zu lassen – über 13.500 Euro kostete ihn dieser Schritt.

Heute

Heute geht Walter Kreische seinen Weg in Demut und im Glauben. Er sagt selbst, dass er sein Schicksal angenommen hat. Er lebt mit seiner Vergangenheit, aber er hasardiert nicht mehr mit ihr. Stattdessen richtet er seinen Blick nach vorne – und widmet sein Leben der Hilfe für andere.

Seine Geschichte ist ein eindringliches Beispiel dafür, dass selbst aus tiefstem Leid neue Kraft entstehen kann.

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