Ein Ramadan-Gebet mitten in Manhattan – und ein provokanter Satz des Imams. Das reicht, um soziale Medien in Aufruhr zu versetzen. Was steckt wirklich dahinter?
Was auf dem Video zu sehen ist
Am 20. Februar 2026, dem ersten Freitagabend des Fastenmonats Ramadan, versammelten sich Hunderte Muslime am New Yorker Times Square zum gemeinsamen Tarawih-Gebet – den traditionellen nächtlichen Zusatzgebeten während des Ramadans. Organisiert wurde das Ereignis vom muslimischen amerikanischen Content Creator WayofLifeSQ. Neben dem Gebet wurden rund 1.500 kostenlose Iftar-Mahlzeiten verteilt sowie 1.200 Koranexemplare in mehreren Sprachen ausgegeben. New Arab
Viral wurde das Event wegen eines bestimmten Moments: Der Vorbeter heizt die Menge mit Mikrofon an, ruft „Takbir!“ – woraufhin die Versammelten laut mit „Allahu akbar“ antworten. Dann sagt er sinngemäß: „Wer hat diese Videos gesehen, wo sie sagen: ‚Oh mein Gott, die Muslime übernehmen New York‘? Lasst sie wissen, dass wir New York City übernehmen!“ – gefolgt von erneutem „Allahu akbar“-Ruf der Menge. Die Aussage war erkennbar als rhetorische Zuspitzung gemeint, die zuvor kursierende Videos über eine angebliche muslimische „Übernahme“ aufgreift und ins Lächerliche zieht.
Kein neues Ereignis – eine jährliche Tradition
Wer das Video ohne Kontext sieht, könnte zu falschen Schlüssen kommen. Tatsächlich handelt es sich um eine etablierte Veranstaltung. New York City hatte ähnliche öffentliche muslimische Zusammenkünfte am Times Square bereits vor Bürgermeister Mamdanis Amtsantritt genehmigt. Vergleichbare Ramadan-Events wurden auch unter dem früheren Bürgermeister Eric Adams abgehalten, entsprechende Versammlungen fanden seit Jahren auf öffentlichen Plätzen wie dem Washington Square Park statt. ABNA
Organisatoren des Gebets haben keinen Vorsatz angegeben, der über die Feier des Ramadans hinausginge – eines der heiligsten Monate im Islam. 77 WABC Die Veranstalter bestätigten, das Ereignis sei Teil der Ramadan-Feierlichkeiten der Muslime und eine Botschaft des Miteinanders und des Friedens. Die Gebete wurden in geordneter Weise und ohne Behinderung des Verkehrs abgehalten. Voice Of Emirates
Reaktion im Netz: Von Empörung bis Wut
Der Clip kursiert vor allem auf X mit hitziger Begleitdiskussion. Viele Nutzer interpretierten den Satz des Imams wörtlich als Drohung oder Machtanspruch. Einige User zogen direkte Vergleiche zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Andere forderten politische Gegenmaßnahmen oder riefen dazu auf, die Teilnehmer sollten „in ihre Länder zurückgehen“. Wie Pravda EN berichtet, waren bei der Veranstaltung auch Gegendemonstranten mit Trump-Schildern vor Ort, die die Beter störten – bei Polizeipräsenz. Pravda
Der politische Kontext: Erstes Ramadan unter Mamdani
Das Ereignis fällt in eine politisch aufgeladene Zeit. Zohran Mamdani wurde am 1. Januar 2026 als erster muslimischer Bürgermeister New Yorks vereidigt – er legte den Amtseid auf den Koran ab. Wikipedia Mehr als eine Million Muslime leben in New York City. Ramadan 2026 ist das erste Ramadan unter einem muslimischen Bürgermeister. CBS News
Im Interview äußerte sich der Imam des Times-Square-Gebets zur politischen Entwicklung: Er freue sich, „dass wir anfangen, in der Gesellschaft als Gleichberechtigte wahrgenommen zu werden.“ Auf Mamdani angesprochen meinte er, vielleicht werde man bald „den zweiten muslimischen Bürgermeister“ erleben.
Einordnung
Das Video ist ein Beispiel dafür, wie Kontext im Netz verloren geht. Eine religiöse Veranstaltung mit Genehmigung, langer Tradition und klarem Friedensbotschaft wird durch einen einzigen provokativen Satz – der erkennbar auf bereits kursierende Empörungswellen reagiert – zum Aufreger gemacht. Ob das rhetorisch klug war, ist eine andere Frage. Faktisch handelt es sich um ein jährliches Gemeinschaftsgebet im öffentlichen Raum einer Stadt, in der über eine Million Muslime zuhause sind.
Quellen: Exxpress.at (24.02.2026), The New Arab (22.02.2026), WABC Radio (20.02.2026), Voice of Emirates (21.02.2026), Pravda EN (22.02.2026), CBS New York (19.02.2026), Al Jazeera (01.01.2026), Wikipedia: Zohran Mamdani (aktualisiert 2026), NPR (01.01.2026)
Neueste Kommentare