Bildungsminister Christoph Wiederkehr nutzte die ORF-Pressestunde am Sonntag für eine Bestandsaufnahme — und präsentierte ein Bündel an Reformvorhaben. Die Opposition ließ kein gutes Haar daran.
5.500 Stellen offen — Quereinsteiger weiter willkommen
Bis Herbst braucht Österreich laut Wiederkehr noch rund 5.500 zusätzliche Lehrkräfte. Ein Teil davon soll über Quereinsteiger abgedeckt werden — obwohl das entsprechende Angebot grundsätzlich zurückgefahren wird. Den Grund dafür lieferte der Minister selbst: „Wir haben keinen österreichweiten Fachkräftemangel mehr“, sondern nur noch regional und in einzelnen Fächern. Das Quereinstiegsmodell soll dennoch dauerhaft bestehen bleiben, unabhängig vom aktuellen Bedarf.
Deutsch als größtes Problem — Reform beginnt im Kindergarten
Das drängendste Problem im Bildungssystem sei derzeit der Mangel an Deutschkenntnissen, sagte Wiederkehr laut oe24 mit Verweis auf aktuelle Zahlen der Statistik Austria: Ein Drittel der Schüler in Deutschförderklassen schaffe es nach einem Jahr noch immer nicht in den regulären Unterricht. Beginnen müsse die Förderung früher, konkret im Kindergarten: Wiederkehr wünscht sich dort 30 statt 20 Wochenstunden für Kinder mit Sprachdefiziten. Dazu laufen derzeit Gespräche. In den Budgetverhandlungen sei es bereits gelungen, mehr Geld für Kindergärten aufzustellen.
Das geplante zweite verpflichtende Kindergartenjahr sei besonders wichtig, da aus „kulturellen Gründen“ oft gerade jene Kinder, die ein zusätzliches Jahr für den Spracherwerb bräuchten, den Kindergarten nur ein Jahr besuchen. Der Spracherwerb sei, so Wiederkehr, „nicht optional.“
Mittlere Reife, Chancenbonus und sechsjährige Volksschule
Bis 2029 will Wiederkehr eine neue „Mittlere Reife“ nach der neunten Schulstufe einführen — nicht als einmaligen Test, sondern flankiert von zentralen Testungen bereits ab 13 Jahren. Wer dabei Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben oder Rechnen nicht erreicht, soll verpflichtend an zusätzlichem Unterricht teilnehmen. Wer die Mittlere Reife nicht besteht, muss länger die Schule besuchen.
Der „Chancenbonus“, der ab Herbst 400 Schulen mit besonderem Förderbedarf zusätzliches Unterstützungspersonal bringt, wurde im Vorfeld kritisiert — besonders belastete Schulen seien leer ausgegangen. Wiederkehr wies das zurück: Die Mittel seien nach Bedarf und nicht „mit der Gießkanne“ vergeben worden, ein „politischer Kuhhandel“ habe nicht stattgefunden.
Auch die Pläne für eine sechsjährige Volksschule verteidigte der Minister: „Mit zehn ist es vor allem ein Test der Eltern“, so Wiederkehr zur aktuellen Schullaufbahnentscheidung. Bei zwölf Jahren wüssten die Kinder besser, wo ihre Stärken liegen.
FPÖ und Grüne mit scharfer Kritik
FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl bezeichnete die vorgestellten Pläne laut oe24 als „ernüchterndes Zeugnis der aktuellen Bildungspolitik“. Statt die Probleme konsequent zu lösen, würden sie nur verwaltet. Er forderte eine verpflichtende Deutschpflicht vor dem Schuleintritt und warnte: „Wenn Kinder, die dem Unterricht nicht folgen können, in die Regelklassen integriert werden, zieht das unweigerlich das Leistungsniveau der gesamten Klasse nach unten.“
Grünen-Bildungssprecherin Sigi Maurer legte nach: „Bildungsminister Wiederkehr ist gut im Ankündigen, aber schlecht im Umsetzen. Die Dauerinszenierung hilft keinem Kind weiter, solange keines der Vorhaben auf den Boden gebracht wird.“
Credits: APA
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