168 tote Kinder. Eine Mädchengrundschule in der südiranischen Stadt Minab, zerstört am ersten Kriegstag, einem Dienstagvormittag um 10:45 Uhr. Satellitenbilder zeigen das Gebäude um 10:23 Uhr noch intakt — eine Stunde nach Kriegsbeginn liegen die Trümmer. Und der Westen? Schaut weg.
Was in Minab passierte
Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel mit koordinierten Luftangriffen auf den Iran. Wie Amnesty International in einer Untersuchung vom 16. März festhält, wurden dabei an der Shajareh-Tayyebeh-Grundschule in Minab mindestens 168 Menschen getötet — darunter über 100 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren sowie 26 Lehrerinnen. Satellitenbilder, verifizierte Videos und Munitionsreste weisen laut Amnesty darauf hin, dass präzisionsgelenkte US-Tomahawk-Raketen eingesetzt wurden. Raketenexperten bestätigten gegenüber dem Magazin TIME anhand von Videoaufnahmen, dass es sich um eine Tomahawk handelte — mit für diesen Typ charakteristischen Flügeln und Heckflossen.
Trumps erste öffentliche Reaktion: Er behauptete, wie ORF.at berichtet, „Iran oder jemand anderes“ sei verantwortlich — ohne jeden Beleg. Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, das Pentagon „untersuche den Vorfall“. Erst am 10. März bestätigte ein Sprecher des Weißen Hauses laufende Untersuchungen — ohne Ergebnis, ohne Entschuldigung, ohne Konsequenz.
Das Versagen mit Ansage: Veraltete Daten aus dem Jahr 2013
Was die Affäre von einem „tragischen Unfall“ zu einem systemischen Versagen macht, ist die Frage nach dem Warum. Wie die New York Times und CNN unter Berufung auf vertrauliche Quellen berichteten — zusammengefasst vom Tagesspiegel und watson.ch — basierte die Zielplanung auf Satellitenbildern aus dem Jahr 2013. Damals war das Schulgebäude tatsächlich Teil eines IRGC-Militärkomplexes.
Doch schon seit 2016 — also zehn Jahre vor dem Angriff — trennte eine sichtbare Mauer die Schule vom Militärgelände. Wachtürme wurden entfernt, öffentliche Eingänge gebaut, Spielfelder auf dem Asphalt markiert. Satellitenbilder aus dem Jahr 2025, wie CNN berichtete, zeigen Kinder beim Spielen auf dem Schulhof. Wie die Berliner Zeitung festhält, wurden die fehlerhaften Zielkoordinaten von Offizieren des US-Zentralkommandos erstellt, die sich auf veraltete Daten der Defense Intelligence Agency (DIA) stützten. Noch ist unklar, warum niemand die Daten überprüfte — und wer dafür die Verantwortung trägt.
Das Neue Deutschland fasst es in einem Kommentar vom 12. März präzise zusammen: Das US-Militär berief sich auf „uralte Satellitendaten“ für ein Gebäude, das seit zehn Jahren öffentlich als Schule bekannt war. Die kleinen Mädchen von Minab werden damit zu „Kollateralschäden in einem Krieg erklärt, in dem es angeblich um die Befreiung der Iraner geht.“ Der Tagesspiegel zieht den historischen Vergleich: 1999 bombardierten die USA im Kosovo die chinesische Botschaft in Belgrad — ebenfalls wegen veralteter Karten. Drei Menschen starben. Die Welt war empört. Diesmal waren es über 100 Schulkinder.
Das größere Bild: 6.668 zivile Einrichtungen getroffen
Minab ist kein Einzelfall. Wie der Iranische Rote Halbmond am 7. März meldete, wurden seit Kriegsbeginn über 6.668 zivile Einheiten durch US-israelische Schläge beschädigt oder zerstört: darunter 5.535 Wohngebäude, 14 Kliniken, 65 Schulen und 13 Einrichtungen des Roten Halbmonds. Die Menschenrechtsorganisation HRANA dokumentierte bis zum 17. März 1.354 getötete Zivilisten im Iran.
Human Rights Watch nannte den Angriff auf die während der Schulzeit belegte Grundschule in einem Bericht vom 7. März einen möglichen Kriegsverbrechensfall. Das UN-Menschenrechtsbüro unter Hochkommissar Volker Türk verlangte eine umfassende Untersuchung und erklärte, wie ORF.at berichtet: „Die Verantwortung für die Untersuchung liegt bei den Streitkräften, die ihn durchgeführt haben.“
Und Gaza? Amnesty International bezeichnete Israels Vorgehen dort bereits 2024 als Genozid. Schulen, Krankenhäuser, Zeltlager — systematisch getroffen. Das UN-Nothilfebüro OCHA dokumentierte die Zerstörung eines Großteils der zivilen Infrastruktur im Gazastreifen seit Oktober 2023.
Die EU und die selektive Empörung
Als Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine angriff, reagierte die EU innerhalb von 72 Stunden mit einem umfangreichen Sanktionspaket. Konten wurden eingefroren, Banken abgekoppelt, Güter beschlagnahmt. Die Reaktion war schnell, koordiniert und moralisch unmissverständlich. Zu Recht.
Doch als die USA und Israel am 28. Februar 2026 einen Angriffskrieg gegen den Iran begannen, der mit dem Tod von über 100 Schulkindern begann, fiel die gemeinsame Erklärung der Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands deutlich anders aus: Sie verurteilten, wie das britische Unterhausparlament in einem Forschungsbericht festhält, die iranischen Gegenschläge — nicht die US-israelischen Erstangriffe. Premierminister Starmer erklärte, er glaube „nicht an Regimewechsel vom Himmel“ — und sanktionierte damit im selben Atemzug das Schweigen gegenüber dem, was vom Himmel auf Minab gefallen war.
Zwei Maßstäbe, eine Glaubwürdigkeitslücke
Das ist keine Frage politischer Sympathie, sondern eine des Völkerrechts. Das humanitäre Völkerrecht gilt universell — es kennt keine Ausnahme für befreundete Mächte. Amnesty International erklärte in seiner Untersuchung, die USA hätten es „versäumt, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um zivile Ziele und die Zivilbevölkerung zu schützen“ — und ergänzte, die Trump-Administration habe zivile Schutzmechanismen systematisch geschwächt: Militärjuristen gefeuert, Zielprotokollstandards gesenkt, zivile Schadensminderungsteams aufgelöst. Genau jene Mechanismen, die hätten verhindern sollen, dass eine Schule auf Basis von zehn Jahre alten Satellitenbildern in Trümmer gelegt wird.
Wenn dieselben westlichen Regierungen, die Russland für den Tod ukrainischer Zivilisten zu Recht verurteilen, beim Tod iranischer Schulkinder schweigen oder ausweichen, dann ist das keine Außenpolitik mehr. Das ist Selektivmoral. Und Selektivmoral untergräbt genau jene regelbasierte Weltordnung, zu deren Verteidigung der Westen vorgibt anzutreten.
Die Frage, die bleibt, ist nicht die nach der Schuld — die Beweise sprechen eine deutliche Sprache. Sondern die nach der Konsequenz: Wann beginnt westliche Außenpolitik, dieselben Maßstäbe anzulegen, die sie von anderen einfordert?
Quellen:
- Amnesty International: USA/Iran: Those responsible for deadly and unlawful US strike on school must be held accountable (amnesty.org, 16. März 2026)
- Amnesty International Österreich: Amnesty fordert Aufklärung nach tödlichem US-Angriff auf Schule in Minab (amnesty.at)
- Human Rights Watch: US/Israel: Investigate Iran School Attack as a War Crime (hrw.org, 7. März 2026)
- news.ORF.at: Iran-Krieg: UNO will Prüfung von Schulbombardement
- TIME Magazine: More Than 100 School Children Were Killed in Iran. Evidence Points to a U.S. Missile Strike
- tagesspiegel.de: Vorläufige Untersuchungsergebnisse: USA bombardierten Mädchenschule offenbar wegen veralteter Ortungsdaten
- watson.ch: Führte US-Geheimdienstfehler zum Tod von 170 Schülerinnen?
- berliner-zeitung.de: Iran: US-Rakete traf Schule in Minab wohl wegen Zielerfassungsfehlers
- nd.DieWoche: Wieder Kollateralschäden — Vorgehen der USA und Israels im Iran (12. März 2026)
- Wikipedia (de): Angriff auf eine Schule in Minab 2026
- Wikipedia (en): 2026 Iran war — Zivilschäden, Iranischer Roter Halbmond
- House of Commons Library: US-Israel strikes on Iran: February/March 2026
Credits: APA
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