Irgendwo zwischen dem letzten Posting und dem ersten Schweigen am Frühstückstisch ist etwas verloren gegangen. Es ist nicht die Meinung. Es ist die Geduld, sie zu ertragen.
Ein Gespräch, das nie stattfindet
Zwei Nachbarn. Dieselbe Straße, dieselben Abende, derselbe Briefkasten im Flur. Der eine schaltet den Sender ab, weil er ihn zu links findet. Der andere, weil er ihn zu rechts findet. Beide greifen zum Telefon. Beide scrollen sich in eine Welt, die ihnen recht gibt.
Sie werden sich nie begegnen. Dabei stehen sie manchmal gleichzeitig vor dem Aufzug.
Das ist nicht Spaltung als großes Drama. Das ist Spaltung als Gewohnheit – still, gleichmäßig, fast angenehm. Wie das langsame Abkühlen eines Raumes, in dem man schon so lange sitzt, dass man gar nicht mehr bemerkt, wie kalt es geworden ist.
Was die Zahlen flüstern
Mehr als vier von fünf Deutschen nehmen die Gesellschaft als gespalten wahr. Kein Randphänomen – ein kollektives Lebensgefühl, erhoben in einer Befragung von knapp 34.000 Personen in acht EU-Ländern im Frühjahr 2025.
Und dennoch steckt in den Daten eine Pointe, die aufhorchen lässt. Politologe Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin hat drei Bundestagswahlen lang beobachtet, wie sich die Deutschen verändern – und seine Formel klingt fast paradox: „Polarisierung trotz inhaltlicher Stabilität.“
Wir sind uns nicht wesentlich uneiniger geworden. Wir fühlen uns nur so. Das ist ein kleiner, entscheidender Unterschied – wie der zwischen einem Sturm und dem Geräusch, das ein Sturm in der Vorstellung macht. Beide halten einen wach. Aber nur einer richtet Schaden an.
Zwei Arten, sich zu streiten
Die Politikwissenschaft unterscheidet hier mit einer Sorgfalt, die man ihr selten zutraut. Auf der einen Seite die ideologische Polarisierung – wenn Menschen inhaltlich weiter auseinanderdriften, wenn die Mitte dünn wird wie altes Papier. Auf der anderen die affektive Polarisierung – wenn nicht mehr Argumente trennen, sondern Gefühle. Wenn man jemanden ablehnt, nicht wegen dem, was er denkt, sondern wegen dem, wo er steht.
Das ist der Unterschied zwischen einem Streit um eine Sache und einem Streit um eine Zugehörigkeit. Der erste lässt sich lösen, manchmal sogar beim dritten Bier. Der zweite nicht – solange man den anderen als Feind braucht, um sich selbst zu spüren.
Wer heute sagt, er wähle diese oder jene Partei, sagt oft mehr über seinen Freundeskreis, seine Angst, sein Bild von der Welt als über ein Wahlprogramm. Politik ist Identität geworden. Und Identitäten trägt man nicht zur Diskussion. Man trägt sie wie eine Narbe – rau, glänzend, manchmal kalt unter den Fingern. Man zeigt sie nicht. Man schützt sie.
War das schon immer so?
Die ehrliche Antwort: ja, immer – und doch nicht so. Die Weimarer Republik kannte eine Feindseligkeit, gegen die heutige Kommentarspalten wie Höflichkeitsübungen wirken. In den 1970ern wurde um Kernkraft und Abtreibung mit einer Leidenschaft gestritten, die heute fast nostalgisch klingt – weil sie noch glaubte, dass Argumente etwas bewegen können.
Aber die Daten zeigen eine Verschiebung, ruhig und stetig wie ein Gletscher. Das internationale Forschungsprojekt V-Dem verzeichnet einen anhaltenden Anstieg der politischen Polarisierung in der EU – von 1,4 auf 2,3, gemessen auf einer Skala von 0 bis 4, seit den 2000er Jahren.
Es ist kein Absturz oder Bruch. Sondern ein Gleiten. Manchmal ist das das Beunruhigendere. Abgründe sieht man kommen. Hänge nicht.
Der Algorithmus und das Fieber
Dann sind da noch die sozialen Medien – der große Verdächtige, auf den alles geschoben wird, was sich anders nicht erklären lässt. Filterblasen, Echokammern, Radikalisierung per Scroll. So verführerisch klar. Und so unvollständig.
Die Forschung ist nüchterner. Die Furcht vor einer gesamtgesellschaftlichen Fragmentierung durch digitale Medien wird empirisch nicht einheitlich unterstützt. Aber extreme Ansichten sind in sozialen Medien überrepräsentiert und suggerieren dadurch, herrschende Meinung zu sein. Algorithmen bevorzugen sie, weil sie Reaktionen erzeugen. Weil Empörung klickt. Weil Wut teilt.
Soziale Medien haben die Spaltung nicht erfunden. Sie messen sie – wie ein Fieberthermometer. Das Fieber brennt längst. Es hat nur endlich einen Bildschirm bekommen.
Was wirklich trennt
Zuwanderung, Klimaschutz, Ukraine. Das sind die Themen, denen Forscher das größte Spaltungspotenzial zuschreiben. Nicht wegen ihrer Komplexität. Wegen ihrer Tiefe.
Sie berühren nicht Paragraphen oder Haushaltspläne. Sie berühren die Frage, wer wir sind. Was wir anderen schulden. Was wir uns selbst schulden. Und wenn Politik anfängt, solche Fragen zu bewirtschaften – sie offen zu lassen, damit die Wunde brennt und Stimmen bringt –, dann wird sie zur Glaubenssache.
Über den Glauben eines anderen erschauert man. Und schweigt.
Was das mit einer Gesellschaft macht
Es verändert zuerst die Sprache. Irgendwo zwischen gestern und heute ist das gemeinsame Vokabular verschwunden – jene Begriffe, auf die sich noch beide Seiten einigen konnten, weil sie größer waren als ihre Differenzen. Was bleibt, sind Wörter, die treffen sollen. Verblendet. Gefährlich. Unrettbar.
Wer nicht meiner Meinung ist, irrt nicht mehr. Er lügt.
Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt: Fast 38 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung fänden es besser, wenn die ihnen unsympathischste Partei vom politischen Prozess ausgeschlossen würde. Ein Satz, der beim Lesen kurz den Atem nimmt – nicht weil er so unerhört wäre, sondern weil er so selbstverständlich klingt. Als wäre er schon lange gedacht worden. Und nur jetzt endlich ausgesprochen.
Ausschluss statt Aushandlung. Das ist kein Ausrutscher. Das ist eine Richtung.
Das Fundament und das Knistern
Es ist menschlich. Tief und unausweichlich menschlich, die eigene Gruppe zu schützen, dem Fremden zu misstrauen, die Welt in Freund und Feind zu sortieren. Das hat uns überleben lassen, als wir noch in kleinen Gruppen durch Graslandschaften zogen – als das Feuer im Rücken warm war und alles dahinter dunkel.
Nur leben wir nicht mehr so. Wir leben in Gesellschaften, die auf einem einzigen, fragilen Versprechen gebaut sind: dass man mit Fremden auskommen kann. Dass man es sogar muss. Dass das Aushandeln mehr bringt als das Ausgrenzen.
Das ist keine romantische Idee. Es ist das Fundament. Und Fundamente bemerkt man erst, wenn sie rissig werden – nicht beim großen Beben, sondern beim leisen Knistern, das man zu lange überhört hat.
Der Aufzug fährt wieder
Die Antwort auf Spaltung ist nie groß. Sie ist immer klein. Ein Gespräch. Eine Pause, bevor man antwortet. Der Moment, in dem man bemerkt, dass der andere nicht böse ist – sondern anders erschrocken.
Wer regelmäßig mit Menschen in Kontakt kommt, die anders denken, wird kompromissfähiger. Fast unmerklich. Wie jemand, der sich langsam an ein neues Licht gewöhnt – und irgendwann nicht mehr versteht, warum er so lange in der Dunkelheit gesessen hat.
Aber das ist kein Trost. Denn die meisten werden diesen Text lesen, nicken – und dann zurück in ihre Timelines scrollen, wo jemand gerade wieder beweist, dass die andere Seite unrettbar verloren ist.
Das Erschreckende an der Spaltung ist nicht, dass sie existiert. Es ist, dass sie sich so verdammt vertraut anfühlt.
Quellen: MIDEM Polarisierungsbarometer 2025, TU Dresden · Freie Universität Berlin, CNEP-Studie 2025 (Thorsten Faas) · V-Dem Project 2024 · Science.lu (2024/2025) · Bundestag Wissenschaftlicher Dienst (2022) · Mercator Stiftung Schweiz, Polarisierungsstudie (2024)
Credits: KI-generiert
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