In Frankreich zeichnet sich ein bemerkenswerter politischer Wandel ab: Immer mehr Homosexuelle wenden sich dem rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) zu. Was steckt hinter diesem Phänomen? Ein Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe zeigt, wie die Linke ihre einst treuen Unterstützer verliert – und warum Marine Le Pen und ihr Zögling Jordan Bardella bei dieser Wählergruppe punkten.
Die Linke und ihre Doppelmoral
Die französische Linke, angeführt von Jean-Luc Mélenchons La France insoumise, hat sich in den letzten Jahren zunehmend als Partei der Minderheiten positioniert. Doch diese Selbstinszenierung bröckelt. Ein aktuelles Beispiel ist der Fall Sabrina Decanton, einer beliebten grünen Politikerin aus der Pariser Vorstadt Saint-Ouen. Decanton, selbst homosexuell, zog ihre Kandidatur für die Kommunalwahlen zurück, nachdem sie von ihrer eigenen Partei gemobbt wurde. Der Grund: Angst, muslimische Wähler zu vergraulen. Decanton erklärte resigniert, dass die Angriffe nicht von der Bevölkerung, sondern aus den eigenen Reihen kamen.
Wie die Frauenzeitschrift Elle berichtet, fühlen sich viele Homosexuelle von der Linken im Stich gelassen. Die Partei, die einst für Gleichberechtigung kämpfte, scheint aus Rücksicht auf muslimische Wählergruppen zunehmend Kompromisse einzugehen. Laut einer Studie halten 63 Prozent der gläubigen Muslime Homosexualität für eine „Krankheit“ oder „Perversion“. Diese Haltung steht im krassen Gegensatz zur allgemeinen Akzeptanz in der französischen Gesellschaft, wo 85 Prozent Homosexualität als normale Variante der menschlichen Sexualität betrachten.
Marine Le Pen: Die neue Hoffnung?
Marine Le Pen und ihr Rassemblement National haben diese Lücke erkannt und nutzen sie geschickt. Laut Elle und dem LGBTQ-Magazin Têtu wählen mittlerweile 30 Prozent der homosexuellen Franzosen Le Pen oder ihren Parteichef Jordan Bardella. Diese Zahlen liegen nur knapp unter dem nationalen Durchschnitt und zeigen, dass die einstige Protestpartei auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Ein Grund für diese Entwicklung ist die klare Haltung des RN gegenüber islamischer Homophobie. Sébastien Chenu, ein prominenter homosexueller Abgeordneter des RN, erklärt: „Homosexuelle wissen, was es heißt, systematisch stigmatisiert zu werden.“ Diese Erfahrung der Ausgrenzung verbindet viele mit der Partei. Marine Le Pen hat zudem mit den homophoben und antisemitischen Ansichten ihres Vaters gebrochen und ihn aus der Partei ausgeschlossen – ein mutiger Schritt, der ihr Respekt eingebracht hat.
Die Linke in der Krise
Während der RN bei Homosexuellen punktet, droht der Linken der Zerfall. Die Neue Volksfront, ein Bündnis aus verschiedenen linken Parteien, wirkt zunehmend zerstritten. Lucie Castets, die einstige Hoffnungsträgerin und Kandidatin für das Amt der Premierministerin, ist von der Bildfläche verschwunden. Sophia Chikirou, Lebensgefährtin von Mélenchon, sorgt mit homophoben Äußerungen wie „Scheiß-Schwuchteln“ für Empörung. Laut Têtu bekennen sich nur vier von 195 Abgeordneten der Neuen Volksfront offen zu ihrer Homosexualität – ein erschreckend niedriger Wert.
Sicherheit statt Ideologie
Die Emanzipation der Homosexuellen in Frankreich ist weitgehend abgeschlossen. Heute geht es vielen nicht mehr um Gleichberechtigung, sondern um Sicherheit – sowohl physisch als auch gesellschaftlich. Der RN hat dies erkannt und positioniert sich als Partei, die klare Antworten auf die Herausforderungen der Zeit bietet. Die Linke hingegen verliert sich in internen Konflikten und einer Doppelmoral, die immer mehr Wähler abschreckt.
Quelle: Die Weltwoche, Têtu, Elle
Credits: APA
Neueste Kommentare