1956 sang Lys Assia für die Schweiz — und niemand diskutierte dabei Kriegsrecht, Boykotte oder Gender Studies. Siebzig Jahre später ist der Eurovision Song Contest das lauteste Kulturschlachtfeld Europas. Was ist passiert?
Der Ursprung: Musik als Brücke nach dem Krieg
Der Eurovision Song Contest wurde 1956 gegründet — als Radio- und Fernsehexperiment, als kulturelle Klammer eines zerbombten Kontinents, der sich gerade mühsam wieder zusammenzufügen versuchte. Die Idee war simpel: Länder senden ihre besten Künstler, Europa stimmt ab, der Beste gewinnt. Keine Agenda, keine Botschaft — nur Melodie und Stimme.
In den ersten Jahrzehnten funktionierte das weitgehend. ABBA gewannen 1974 mit „Waterloo“. Céline Dion vertrat 1988 die Schweiz. Johnny Logan gewann zweimal als Sänger — 1980 und 1987 — und einmal als Songwriter für Linda Martin 1984. Toto Cutugno. Sandie Shaw. Das waren keine politischen Statements — das waren Lieder, die Menschen pfiffen, während sie zur Arbeit fuhren. Dabei war der ESC, wie die Salzburger Nachrichten in ihrer historischen Analyse festhalten, faktisch von Anfang an nicht völlig unpolitisch — als Schaufenster westlicher Freiheit und Vielfalt gegenüber dem Ostblock konzipiert.
Wann es begann zu kippen
Die erste deutliche Politisierung kam nicht von links oder rechts — sie kam aus dem Nahen Osten. Österreich boykottierte 1969 den Wettbewerb in Madrid aus Protest gegen die Franco-Diktatur. Israel nahm ab 1973 teil — und war damit von Anfang an ein politischer Faktor, weil seine bloße Mitgliedschaft in einem „europäischen“ Wettbewerb eine geopolitische Positionierung darstellte. Russland wurde 2022 nach dem Angriff auf die Ukraine ausgeschlossen — eine Entscheidung, die niemand ernsthaft in Frage gestellt hat, die aber klar zeigt: Der ESC ist kein politikfreier Raum und war es nie.
Was sich verändert hat, ist das Ausmaß. Und die Richtung.
Heute: Israel, Boykotte und Nemo
Beim ESC 2024 in Malmö gab es lautstarke Straßendemonstrationen, als Israel antrat. Der Schweizer Gewinner Nemo gab die Trophäe aus Protest gegen Israels Teilnahme zurück — ein Schritt, der medial als Tapferkeit gefeiert wurde. Wie der Soziologe Niklas Herrberg von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gegenüber science.ORF.at analysierte, funktioniere der Boykott auch als „Verkaufsargument“ — wer sich dem Showbusiness verweigert, gilt als mutig. Dass es sich dabei um eine Geste handelt, die Israelis pauschal für Regierungshandeln verantwortlich macht, nennt Herrberg „das antisemitische Grundmuster“ solcher Bewegungen.
Fünf Länder — Spanien, Irland, Island, Slowenien und die Niederlande — boykottieren den ESC 2026 in Wien wegen Israels Teilnahme. Österreich selbst diskutiert intern, ob der Wettbewerb noch sinnvoll ist.
Was sich wirklich verändert hat
Neben dem Israel-Konflikt gibt es eine zweite Dimension der Politisierung: die Identitätspolitik. Nemo, der Schweizer Gewinner von 2024, ist nicht-binär und nutzte den ESC offen als Plattform für diese Identität. Der österreichische Beitrag 2026, JJ, wurde in seiner Präsentation stark mit seinem queeren Selbstverständnis verknüpft. Die Bühnenshow, die Kostüme, die Inszenierung — der ESC kommuniziert heute mit einer Symbolsprache, die für einen erheblichen Teil des europäischen Publikums fremd wirkt.
Das ist kein Zufall. Die European Broadcasting Union, die den Wettbewerb organisiert, hat sich in ihrer Kommunikation klar in Richtung Diversität und Inklusion positioniert. Das ist ein inhaltlicher Kurs — keine neutrale Kuratierung.
Ist die Musik noch das Entscheidende?
Hier wird es schwieriger. Denn musikalisch starke Beiträge gewinnen noch immer — Cornelia Jakobs, Kalush Orchestra, Loreen. Dass die Abstimmung heute aus einer Kombination aus Jury- und Televoting besteht, hat die reine Popularitätsmechanik etwas gebrochen. Das Telefonvoting war früher ein Instrument für Nachbarschaftsstimmen — griechisch-zypriotische Solidarität, skandinavische Treue — was ebenfalls nie „nur Musik“ war.
Neu ist, dass der politische Kontext eines Landes heute direkten Einfluss auf das Abstimmungsverhalten hat. Dass Russland vor dem Ausschluss in westeuropäischen Ländern gepfiffen wurde, war kein musikalisches Urteil. Dass Israel heute Buhrufe kassiert, auch nicht.
Was bleibt
Der ESC war nie ein unpolitischer Raum — das ist die ehrliche Antwort. Aber er war lange ein Raum, in dem die Musik zumindest das formale Hauptthema war. Heute ist er ein Brennglas, das gesellschaftliche Spaltungen sichtbar macht — Nahostkonflikt, Identitätspolitik, Kulturkrieg. Ob das seinen Wert mindert oder erhöht, hängt davon ab, was man von einem Schlagerwettbewerb erwartet.
Was man nicht erwarten sollte: dass er einfach und unpolitisch bleibt. Das war er nicht einmal dann, als Lys Assia 1956 als Erste überhaupt auf die ESC-Bühne trat.
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