Volksschul-Streit: Verlag tauschte Text eigenmächtig aus – Ministerium wusste von nichts

Volksschul-Streit: Verlag tauschte Text eigenmächtig aus – Ministerium wusste von nichts

Ein Satz sorgte für Aufruhr in Österreichs Schulen: „Ich bin kein Bub“, sagt Leo – und will fortan Jennifer heißen. Jetzt hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) auf eine parlamentarische Anfrage geantwortet. Das Ergebnis ist überraschend – und wirft neue Fragen auf.

Der Auslöser: Ein Lesebuch, ein Satz, ein Sturm

Zunächst war es eine weststeirische Volksschule, in der Eltern aufbegehrten. Dann folgte Wien. Drittklässler – also Achtjährige – mussten einen Text lesen, in dem ein Bub namens Leo erklärt, er wolle fortan Jennifer heißen und sei kein Bub mehr. Wie kosmo.at berichtete, mussten die Kinder anschließend Fragen zu dem Text beantworten.

FPÖ-Familiensprecherin Ricarda Berger stellte daraufhin eine parlamentarische Anfrage und zeigte sich laut einer FPÖ-Aussendung „zutiefst irritiert“: Viele dieser Texte dienten nicht mehr dem ursprünglichen Ziel, nämlich Lesekompetenz zu fördern, sondern seien für gesellschaftspolitische Debatten geschrieben.

Die Überraschung: Minister wusste nichts davon

Bildungsminister Wiederkehr hat auf die Anfrage geantwortet – und die Antwort enthält eine brisante Wendung. Wie exxpress.at berichtet, war der nun kritisierte Text laut Ministerium gar nicht genehmigt. Der Verlag hatte den ursprünglich approbierten Lesetext eigenmächtig ausgetauscht – ohne Wissen und Zustimmung des Bildungsministeriums. Der Text entspreche weder den Qualitätskriterien noch den Lehrplanvorgaben, heißt es in der Anfragebeantwortung. Das Ministerium habe den Verlag bereits kontaktiert und den Austausch des Textes verlangt. Die betroffenen Schulen seien informiert worden.

Politisch heikle Konsequenz: Der zuständige Minister war nicht einmal informiert, dass ein genehmigtes Schulbuch nachträglich verändert worden war. Das wirft grundsätzliche Fragen zur Kontrolle des österreichischen Schulbuchsystems auf.

Gleichzeitig: Lehrplan bleibt unangetastet

Während der konkrete Text also als nicht genehmigt eingestuft wurde, verteidigt Wiederkehr die dahinterliegende pädagogische Grundlage. Er verweist auf die Paragraphen 2 und 6 des Schulorganisationsgesetzes, in denen Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit als Bildungsziele festgeschrieben sind.

Außerdem sei „reflexive Geschlechterpädagogik mit dem Schwerpunkt auf Geschlechtergleichstellung“ als übergreifendes Thema im Lehrplan der Primarstufe verankert – fächerübergreifend, von Deutsch bis Sport. Konkret sollen Volksschulkinder am Ende der vierten Klasse Rollenklischees erkennen können, ein Verständnis für Gleichberechtigung entwickeln und die Vielfalt von Menschen respektieren. Auch Sexualpädagogik ist laut Ministerium bereits in der Primarstufe als übergreifendes Thema vorgesehen, wobei Inhalte altersadäquat vermittelt werden sollen. Eine Änderung dieser Lehrplangrundlagen sei nicht geplant.

Keine Statistiken, keine Auswertung

Die FPÖ wollte auch wissen, wie viele Volksschulbücher überhaupt Passagen zu Geschlechtsidentität oder Namensänderungen enthalten – und wie viele Elternbeschwerden es seit 2020 zu Gender-Themen gegeben habe. Die Antwort: Dazu gibt es keine statistische Erfassung. Eine Auswertung würde laut Ministerium einen „unverhältnismäßig hohen Verwaltungsaufwand“ bedeuten.

Die Gretchenfrage bleibt unbeantwortet

Der Sachverhalt lässt sich nun klar in zwei Teile trennen. Erster Teil: Der konkrete „Leo will Jennifer sein“-Text war nicht genehmigt – das Ministerium handelte, der Verlag muss den Text austauschen. Zweiter Teil: Ob Achtjährige grundsätzlich mit Themen wie Geschlechtsidentität und Selbstdefinition im Lesebuch konfrontiert werden sollen, beantwortet die Anfragebeantwortung nicht klar. Wiederkehr verweist auf den Lehrplan, zieht aber keine inhaltliche Grenze. Die Methodenfreiheit der Lehrkräfte bleibt erhalten – womit ein Teil der Verantwortung von der politischen Ebene auf Schulen und Pädagogen verlagert wird.


Quellen: exxpress.at / FPÖ-Pressedienst / kosmo.at / Anfragebeantwortung Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) / Schulorganisationsgesetz §§ 2 und 6 / Lehrplan der Volksschule (Primarstufe)
Credits: APA

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