Geld. Waffen. Soldaten. Die Forderungsliste des ukrainischen Präsidenten wird länger – und immer konkreter. Im AFP-Interview verlangt Wolodymyr Selenskyj nun europäische Truppen nahe der Frontlinie. Europa reagiert reserviert. Und das hat Gründe.
Die nächste Forderung aus Kiew
„Natürlich möchten die Ukrainer, dass unsere Partner mit uns an der Frontlinie zusammenstehen“, sagte Selenskyj in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP, das vier Tage vor dem vierten Jahrestag des russischen Angriffskriegs geführt wurde. T-online Der ukrainische Staatschef räumte dabei selbst ein, was jeder weiß: „natürlich niemand an der ersten Linie stehen möchte.“ VIENNA.AT
Trotzdem stellt er die Forderung. Es ist – nach jahrelangen Bitten um Geld, Waffen und diplomatischen Rückhalt – die nächste Eskalationsstufe in Kiews Verhältnis zu Europa.
Europa sagt: Ja, aber nicht dort
Für den Einsatz einer multinationalen Truppe zur Absicherung einer Waffenruhe haben sich vor allem Frankreich und Großbritannien stark gemacht. Macron und der britische Premierminister Keir Starmer unterzeichneten Anfang Januar mit Selenskyj in Paris eine Absichtserklärung. T-online Doch Macron sagte klar, diese Truppe solle „weit von der Kontaktlinie entfernt“ eingesetzt werden. VIENNA.AT
Selenskyj sieht das naturgemäß anders: „Wir würden das Kontingent gerne näher an der Kontaktlinie sehen.“ VIENNA.AT Auch Bundeskanzler Merz hatte Bundeswehrsoldaten allenfalls auf NATO-Gebiet außerhalb der Ukraine in Aussicht gestellt – „nicht in der Ukraine selbst, sondern in einem zur NATO zählenden Nachbarland.“ News.at
Der Dissens ist groß. Und Russland hat eine ausländische Militärpräsenz auf ukrainischem Boden schon vorab als vollkommen inakzeptabel bezeichnet – was den Wert solcher Truppen als Friedensgarantie von Beginn an in Frage stellt.
Die explosive Aussage: USA und Russland auf einer Linie
Bemerkenswert ist, was Selenskyj im gleichen Interview über den Stand der Verhandlungen enthüllte – oder enthüllen wollte. „Sowohl die Amerikaner als auch die Russen sagen: Wenn Ihr wollt, dass der Krieg morgen endet, dann geht aus dem Donbass raus“, sagte er gegenüber AFP. VIENNA.AT
Das klingt nach einem gezielten Signal an Europa: Seht her, Washington und Moskau stehen gegen uns – nur ihr könnt uns noch retten. Die ukrainischen Streitkräfte kontrollieren weiterhin etwa ein Fünftel der Region Donezk, während die russischen Truppen so gut wie die gesamte Region Luhansk eingenommen haben. Kiew lehnt Gebietsabtretungen ab und will stattdessen den Frontverlauf einfrieren. VIENNA.AT Ein Kompromiss, den Moskau bisher ebenso ablehnt.
„Verlieren wir definitiv nicht“ – und die unerwähnte Frage
Auf die Frage zur Lage an der Front sagte Selenskyj: „Man kann nicht sagen, dass wir den Krieg verlieren. Ehrlich, wir verlieren ihn definitiv nicht, definitiv.“ Die Frage sei allerdings, ob die Ukraine den Krieg gewinnen könne. VOL.AT Eine Antwort darauf blieb er schuldig.
Nicht beantwortet blieb im Interview auch, warum Selenskyj gleichzeitig europäische Soldaten fordert und die behaupteten „300 Quadratkilometer“ zurückeroberten Landes gegenüber AFP nicht mit Details belegen wollte – die Nachrichtenagentur konnte diese Angaben nicht verifizieren. Euronews
Dass Selenskyj Europa – nach scharfer Kritik in Davos, wo er den Kontinent als „verloren“ und in einer „Endlosschleife aus Ankündigungen“ steckengeblieben Euronews bezeichnete – nun wieder als unverzichtbaren Partner umwirbt und gleichzeitig Truppen fordert, zeigt das Dilemma: Ohne Europa kann Kiew die Verhandlungen nicht beeinflussen. Mit zu vielen Forderungen riskiert es, seine wichtigsten Verbündeten zu verprellen.
Quellen: Weltwoche (weltwoche.ch), AFP (Primärquelle/Interview), APA via Vienna.at, Euronews, Tagesspiegel, t-online.de, vol.at
Credits: APA
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