85 Euro statt der üblichen 30, ein verweigertes Taxameter, dubiose Ausreden. Was am Wiener Hauptbahnhof seit Jahren für Ärger sorgt, ist offenbar kein isoliertes Standplatz-Problem. Wucherpreise und dubiose Methoden einzelner Taxifahrer treiben mittlerweile auch anderswo in Wien ihr Unwesen – und beschäftigen zunehmend die Stadtpolitik.
Der Fall, der die Debatte neu entfachte
Eine Wienerin wollte mit ihren Nichten vom Hauptbahnhof ins zwölf Kilometer entfernte Grinzing fahren. Statt des üblichen Fahrpreises von rund 30 Euro sollte sie pauschal 85 Euro bezahlen – etwa das Dreifache des Normalpreises. Als sie darauf bestand, dass das Taxameter eingeschaltet wird, weigerten sich mehrere Fahrer, die Fahrt überhaupt durchzuführen, wie exxpress.at unter Berufung auf „Die Presse“ berichtet. Als Ausrede diente angeblich zu viel Gepäck. Erst ein anderer Taxilenker brachte die Familie schließlich ordnungsgemäß zum Ziel – und schilderte ihr dabei den erheblichen Druck, der am Standplatz herrsche: Wer dort arbeiten wolle, müsse sich den inoffiziellen Regeln unterordnen.
Kein Einzelfall, sondern ein Muster
Dass es sich dabei nicht um einen bedauerlichen Ausrutscher handelt, zeigen zahlreiche ähnliche Schilderungen. Auf Diskussionsplattformen wie Reddit teilen bis zu 200 Personen vergleichbare Erfahrungen mit Wucherpreisen und Abzocke am Standplatz, wie oe24 dokumentiert. Bereits vor zwei Jahren gab es Berichte über unzulässige Fixpreise, abgewiesene Kunden und selbsternannte „Standplatz-Chefs“. Die Taxi-Zentrale 40100 bestätigte gegenüber „Die Presse“, dass es immer wieder zu solchen Vorfällen komme – gesetzestreue Fahrer würden den Hauptbahnhof mittlerweile bewusst meiden.
Auch anderswo in Wien: Der „Feiertagszuschlag“
Dass solche Praktiken nicht nur am Hauptbahnhof vorkommen, zeigt ein weiterer, vom Fachportal „Taxi Times“ dokumentierter Fall: Ein Fahrgast, der mit dem Zug an seinen Wohnort zurückkehrte, stieg am Hauptbahnhof in ein Taxi und wurde nach Hause gefahren. Der Taxameter zeigte am Ziel 19,60 Euro an – der Fahrer verlangte jedoch das Doppelte, 39,20 Euro, und begründete dies mit einem angeblichen „Feiertagszuschlag“. Auch die Polizei registrierte laut „Taxi Times“ zuletzt mehrfach ähnliche Fälle.
Die klare Rechtslage
Rechtlich ist die Sache eigentlich eindeutig: Wer spontan an einem Wiener Taxistand einsteigt, muss ausschließlich nach dem Taxameter und dem geltenden Tarif bezahlen. Ein Fixpreis darf nur bei einer Vorbestellung per App oder Telefon vereinbart werden – und darf dann höchstens 20 Prozent vom Standardtarif abweichen, wie sowohl oe24 als auch Heute.at übereinstimmend berichten.
Politischer Druck aus dem Rathaus
Mittlerweile beschäftigt die Debatte auch die Wiener Stadtpolitik. In einer Presseaussendung vom 10. August fordert FPÖ-Gemeinderat Thomas Kreutzinger wirksamere Kontrollen am Hauptbahnhof. „Die korrekten Taxilenker dürfen nicht unter einigen schwarzen Schafen leiden. Hier braucht es endlich mehr Kontrolle und Ordnung“, so Kreutzinger laut Heute.at. Da sich der Taxistand am Hauptbahnhof auf Grund der ÖBB befindet, fordert er eine gemeinsame Lösung von Stadt Wien und ÖBB – konkret schlägt er eine Schranken- oder Polleranlage vor, bei der die Zufahrt über den Taxilenkerausweis geregelt wird, um die Standplatzvergabe besser kontrollieren zu können. Bereits im Frühjahr war die Finanzpolizei zu einer Razzia ausgerückt und hatte 34 Taxis von 33 Betrieben kontrolliert – geändert hat sich seither offenbar wenig.
Innung verweist auf einzelne „schwarze Schafe“
Die Taxi-Innung der Wirtschaftskammer Wien bezeichnet derartige Vorfälle als Verstöße einzelner „schwarzer Schafe“ und verweist auf wöchentliche Sitzungen ihrer Beschwerdekommission. Bereits in der Vergangenheit hatte der stellvertretende Obmann der Fachgruppe Beförderungsgewerbe mit PKW, Resul Ekrem Gönültaş, betont, dass keineswegs alle Taxiunternehmer über einen Kamm zu scheren seien – der Großteil des Gewerbes sei sich der eigenen Verantwortung bewusst und halte sich an die geltenden Regeln.
Ein Problem mit langer Vorgeschichte
Die aktuelle Häufung an Beschwerden zeigt, dass die seit Jahren immer wieder aufflammende Debatte um Wucherpreise und dubiose Praktiken am Wiener Hauptbahnhof bislang nicht nachhaltig gelöst wurde. Ob die von der FPÖ geforderte Zufahrtsbeschränkung tatsächlich umgesetzt wird und ob sie das Problem tatsächlich eindämmen kann, bleibt vorerst offen.
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