Netanjahu nennt Großbritannien „Islamische Republik“ – London reagiert empört

Netanjahu nennt Großbritannien „Islamische Republik“ – London reagiert empört

Mit einer beißenden Spitze gegen Großbritannien sorgt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu für neue diplomatische Verstimmung. In einem Podcast bezeichnete er das Land spöttisch als „Islamische Republik“ – die britische Regierung reagierte mit scharfer Kritik.

Die Aussage im Wortlaut

„Jemand hat einmal gesagt, die erste islamische Republik mit Atomwaffen wäre die Islamische Republik Großbritannien“, sagte Netanjahu am Freitag in einem Podcast des israelischen Militärradios, wie derStandard berichtet. „Wir sorgen dafür, dass es hier im Iran keine weitere gibt“, fügte er spöttisch hinzu. Wie Euronews aus dem vollständigen Gespräch dokumentiert, lobte Netanjahu zuvor Randolph Churchill, den Sohn des früheren britischen Premierministers Winston Churchill, für dessen positive Berichterstattung über Israel während des Sechstagekriegs 1967 – so etwas finde man heute kaum noch, „in dem, was man die Islamische Republik Großbritannien nennt“. Als der Moderator einwarf, ganz Europa sei mittlerweile so, stimmte Netanjahu zu und lieferte die inzwischen viel zitierte Formulierung.

Ein Verweis auf JD Vance

Mit seiner Aussage griff Netanjahu eine ältere Äußerung von US-Vizepräsident JD Vance auf. Dieser hatte bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2024 erklärt, Großbritannien könnte das erste „wirklich islamistische Land“ werden, das über Atomwaffen verfüge – eine Aussage, die damals scharfe Kritik ranghoher britischer Politiker auslöste, wie das Portal „anews“ berichtet.

London reagiert mit scharfer Kritik

Die britische Regierung ließ die Spitze nicht unkommentiert. Ein Regierungssprecher bezeichnete Netanjahus Äußerungen als „völlig inakzeptabel“, wie derStandard berichtet. Auch eine britisch-irische jüdische Organisation kritisierte die Aussage des israelischen Regierungschefs als hasserfüllt und spalterisch, wie Al Jazeera dokumentiert.

Der Hintergrund: Wachsende Spannungen zwischen London und Jerusalem

Netanjahus Bemerkung fällt in eine Phase zunehmender Spannungen zwischen Israel und der britischen Labour-Regierung. Unter dem früheren Premierminister Keir Starmer setzte Großbritannien Freihandelsgespräche mit Israel aus und suspendierte einige Waffenexportlizenzen. Wie Frankreich verhängte auch London Sanktionen gegen die rechtsextremen israelischen Kabinettsmitglieder Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich. Im vergangenen Jahr schloss sich Großbritannien gemeinsam mit Frankreich und Kanada der Anerkennung eines palästinensischen Staates an – ein Schritt, den Netanjahu damals scharf kritisierte und Starmer vorwarf, damit „Hamas‘ monströsen Terrorismus zu belohnen und dessen Opfer zu bestrafen“, wie das Portal „Deccan Herald“ aus seiner damaligen Stellungnahme zitiert.

Neuer Premier, ähnlicher Kurs

Auch unter dem neuen britischen Premierminister Andy Burnham hat sich der kritische Kurs gegenüber Israel fortgesetzt. Burnham erklärte, sein Vorgänger Starmer habe nicht genug Druck auf Israel ausgeübt, um die Offensive in Gaza zu beenden, wie die „Times of Israel“ berichtet. Gegenüber dem „Guardian“ kündigte er zudem an, ein mögliches Handelsverbot für Waren aus israelischen Siedlungen im Westjordanland zu prüfen. Zusätzlich hielt sich Großbritannien, anders als traditionell eng mit Washington verbunden, im seit Februar laufenden US-israelischen Krieg gegen den Iran auffällig zurück – wenngleich Starmer den USA erlaubte, britische Militärbasen für „defensive“ Angriffe gegen iranische Raketen und deren Abschussvorrichtungen zu nutzen.

Ein „neuer Tiefpunkt“ der Beziehungen

Rodwan Abouharb, außenpolitischer Dozent am University College London, bewertete Netanjahus Spitze gegenüber Al Jazeera als „neuen Tiefpunkt“ in den britisch-israelischen Beziehungen. Zugleich verweise die Aussage auf erhebliche Überschneidungen im politischen Diskurs beider Länder, insbesondere mit Blick auf die immer wieder aufflammende Debatte über Islam und nationale Identität in Europa.

Ein Streit ohne absehbares Ende

Der Schlagabtausch zeigt, wie angespannt das Verhältnis zwischen Israel und einem seiner traditionell engsten europäischen Partner mittlerweile geworden ist. Zwischen der britischen Anerkennung Palästinas, möglichen Handelsbeschränkungen gegen israelische Siedlungsprodukte und Netanjahus wiederholten verbalen Attacken auf die britische Regierung ist derzeit keine rasche Entspannung der Beziehungen in Sicht.

Credits: Avi Ohayon / Government Press Office of Israel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128577654

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