Washington kämpft, Peking schaut zu – und rechnet. Der Krieg der USA gegen den Iran gilt in der chinesischen Führung als strategischer Fehler Washingtons. Und als Chance.
„Unterbrich deinen Feind niemals“
Die Haltung Pekings lässt sich auf einen einzigen Satz verdichten. Wie die Weltwoche unter Berufung auf eine Analyse des britischen Magazins The Economist berichtet, gilt der US-Angriff auf Iran in der chinesischen Führung als „schwerer Fehler der USA“ – und Peking halte sich an die Maxime: „Unterbrich deinen Feind niemals, wenn er einen Fehler macht.“ Das klingt nach Sun Tzu, und genau so wird es in den Hinterzimmern der Macht in Peking auch gedacht.
In der chinesischen Führung überwiegt laut diesem Bericht die Einschätzung, die USA handelten aus Schwäche heraus: militärischer Einsatz ohne klare Strategie, Präsident Donald Trump ignoriere Warnungen und agiere mit unklaren Zielen. Die Erwartung in Peking wächst, der Krieg könne die Wahrnehmung eines amerikanischen Niedergangs beschleunigen.
USA in Nahost gebunden – Taiwan im Hinterkopf
Für China hat ein langer Konflikt am Golf einen simplen strategischen Vorteil: Die USA sind beschäftigt. Wie die NZZ berichtet, liegen Chinas Kerninteressen nicht im Nahen Osten, sondern im Indopazifik – im Südchinesischen Meer und vor allem in der Taiwan-Frage. Solange Washington Ressourcen und Aufmerksamkeit im Nahen Osten bindet, hat Peking dort mehr Spielraum.
China-Expertin Simona Grano von der Universität Zürich bringt es im Interview mit dem SRF auf den Punkt: „Klar – jede Rakete, welche die USA jetzt im Nahen Osten abfeuern, fehlt im Szenario Taiwan.“ Dazu kommt ein weiterer Faktor, den der Politikwissenschaftler Richard Heydarian gegenüber dem Finanzportal Yahoo Finance betont: Tomahawk-Raketen und THAAD-Abfangsysteme sind hochkomplexe Systeme, deren Lieferketten Jahre brauchen, um sie wiederherzustellen. Und: Für deren Produktion braucht Washington seltene Erden – die zu einem Großteil von China kontrolliert werden.
Wirtschaftliche Chancen – trotz kurzfristiger Schmerzen
China ist der weltgrößte Ölimporteur, und die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des globalen Erdölverbrauchs fließen, ist für Peking lebenswichtig. Der Krieg trifft China also auch selbst – steigende Energiepreise belasten eine ohnehin unter Deflationsdruck stehende Binnenwirtschaft. Wie xpert.digital in einer Analyse festhält, wurde Chinas Wachstumsziel für 2026 bereits auf den niedrigsten Korridor seit 1991 gesenkt.
Mittelfristig aber sieht Peking Chancen. Wie die Weltwoche berichtet, gelten der Wiederaufbau in der Golfregion sowie die wachsende Nachfrage nach chinesischer Energie- und Solartechnologie als mögliche Geschäftsfelder. Zudem soll der Krieg Iran dazu gebracht haben, den Durchgang von Öltankern durch die Straße von Hormus an Zahlungen in Yuan zu knüpfen – was Chinas langfristiges Ziel der Entdollarisierung des globalen Energiemarkts vorantreibt.
Peking als „stabiler Pol“ – mit Kalkül
Offiziell kritisiert China den Krieg. Außenminister Wang Yi erklärte, die USA begingen mit dem Angriff auf Iran einen „völkerrechtswidrigen“ Akt und China stelle „dringend benötigte Stabilität in einer turbulenten Welt“ bereit. Wie die NZZ analysiert, nutzt Peking den Krieg, der die USA in weiten Teilen der Welt unpopulär erscheinen lässt, bewusst als Gelegenheit, sich als Alternative zur amerikanischen Weltordnung zu positionieren.
Doch auch Peking hat Vorbehalte. Wie die Weltwoche unter Berufung auf den Economist berichtet, zeigen sich chinesische Experten überrascht vom Einsatz künstlicher Intelligenz durch das US-Militär. Und eine lange Eskalation mit blockierten Seewegen bleibt für China ein reales wirtschaftliches Risiko.
Credits: APA
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