Sepp Schellhorn, Staatssekretär der NEOS, fordert mehr kritischen Journalismus und prangert die Macht der Boulevardmedien an. Doch seine eigenen Handlungen werfen Fragen auf: Was versteht er unter kritischem Journalismus? Und wie passt seine Werbung für ein Medium zu seinen Forderungen nach Unabhängigkeit?
„Boulevardmedien treiben die Regierung“ – Ein Vorwurf mit Sprengkraft
Zum Jahresende 2025 sorgt Sepp Schellhorn, Staatssekretär der NEOS, mit scharfen Worten für Aufsehen. In einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung kritisierte er, dass die Dreier-Koalition von Boulevardmedien „getrieben“ werde. Gleichzeitig warnte er vor den Gefahren einer „algorithmischen Politik“, die Hass und Neid fördere, und forderte mehr Unterstützung für Qualitätsjournalismus.
„Liberale Demokratie braucht kritischen Journalismus“, betonte Schellhorn im Interview und zog Parallelen zu ungarischen Verhältnissen, die er als abschreckendes Beispiel anführte. Doch wie glaubwürdig ist diese Forderung, wenn sie von jemandem kommt, der selbst aktiv in die Medienlandschaft eingegriffen hat – und zwar auf eine Weise, die in der österreichischen Politik beispiellos ist?
Ein Regierungsmitglied macht Werbung – Ein politisches Novum
Noch nie zuvor hat ein Mitglied der österreichischen Bundesregierung öffentlich Werbung für ein journalistisches Medium gemacht. Doch genau das tat Sepp Schellhorn, als er für das Medium jetzt.at warb. Diese Aktion wirft nicht nur ethische Fragen auf, sondern auch die, ob ein Regierungsmitglied, das sich für unabhängigen Journalismus einsetzt, selbst so eng mit einem Medium verbunden sein sollte.
Kritischer Journalismus – aber nur, wenn er nicht gegen mich gerichtet ist?
Schellhorns Forderung nach mehr kritischem Journalismus wird durch sein eigenes Verhalten weiter infrage gestellt. Ein besonders brisanter Vorfall war die sogenannte „Audiaffäre“, über die mehrere Medien, darunter exxtra24.at, berichteten. Schellhorn hat daraufhin den Herausgeber von exxtra24.at persönlich angerufen und erklärt, dass dies „kein Journalismus“ sei. Zudem hat er betont, dass exxtra24 keine werbliche Unterstützung der NEOS erhalte.
Diese Episode wirft ein Schlaglicht auf Schellhorns Verständnis von kritischem Journalismus. Ist Kritik nur dann legitim, wenn sie nicht ihn selbst betrifft? Die Aussage, dass exxtra24 keinen Journalismus betreibe, klingt wie ein Versuch, unliebsame Berichterstattung zu delegitimieren. Doch genau diese Art von Einflussnahme ist es, die Schellhorn eigentlich kritisiert.
Boulevardmedien und Eigenwerbung – Ein Widerspruch in sich?
Schellhorns Kritik an der Macht der Boulevardmedien ist zweifellos berechtigt. Die zunehmende Orientierung an Clickbait und die Förderung von Sensationsjournalismus stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Doch seine eigene Nähe zu Medien stehen in einem offensichtlichen Widerspruch zu seinen Forderungen nach Unabhängigkeit und Qualitätsjournalismus.
Die Frage, die sich stellt, ist: Wie viel Glaubwürdigkeit bleibt einem Politiker, der einerseits die Medienlandschaft kritisiert, andererseits aber selbst Teil des Systems ist? Kritischer Journalismus bedeutet, auch unangenehme Fragen zu stellen – und das gilt nicht nur für Medien, sondern auch für Politiker wie Schellhorn.
Was bleibt von den großen Worten?
Sepp Schellhorns Kritik an den Boulevardmedien und seine Forderung nach mehr kritischem Journalismus sind auf den ersten Blick nachvollziehbar. Doch ein genauerer Blick auf sein eigenes Verhalten zeigt: Seine Definition von „kritischem Journalismus“ scheint stark davon abzuhängen, ob die Kritik ihn selbst betrifft oder nicht. Die Episode mit exxtra24.at, seine Werbeaktionen für jetzt.at und die Tatsache, dass er als Regierungsmitglied ein Medium beworben hat, werfen ein Schlaglicht auf die Widersprüche in seiner Medienstrategie.
Wenn Schellhorn wirklich glaubwürdig sein will, muss er sich fragen lassen, ob er bereit ist, die gleichen Maßstäbe, die er an andere anlegt, auch auf sich selbst anzuwenden. Andernfalls bleibt seine Kritik an den Medien nichts weiter als heiße Luft – und ein weiteres Beispiel dafür, wie Politiker die Medienlandschaft für ihre eigenen Zwecke nutzen.
Ein Appell an die Debattenkultur
Schellhorn selbst betont immer wieder die Notwendigkeit einer besseren Debattenkultur in Österreich. Doch diese beginnt nicht bei den Medien, sondern bei den Politikern selbst. Wer kritischen Journalismus fordert, muss auch bereit sein, sich selbst kritischen Fragen zu stellen – ohne dabei die Glaubwürdigkeit der Medien infrage zu stellen, die diese Fragen stellen.
Quelle: Interview in der Tiroler Tageszeitung
Credits: APA
Neueste Kommentare