Rückkehr der Sonderschulen: Ein Schritt zurück?

Rückkehr der Sonderschulen: Ein Schritt zurück?

Plötzlich und fast unbemerkt zeichnet sich in Österreich ein Trend ab, der so manchen Experten aufhorchen lässt: Die Zahl der Sonderschulen nimmt wieder zu. Nach Jahren des Bemühens um Inklusion scheint die Idee, behinderte oder verhaltensauffällige Kinder verstärkt in eigenen Schulformen zu unterrichten, neuen Aufwind zu bekommen. Und das, obwohl internationale Abkommen, wie die UN-Behindertenrechtskonvention, eigentlich das Ziel einer möglichst gemeinsamen Beschulung festgeschrieben haben.

Zahlen, die überraschen

Laut aktuellen Zahlen hatten im Schuljahr 2023/24 fast 30.000 Kinder – das entspricht etwa 4,8 Prozent aller Pflichtschüler – ihren Unterricht in Sonderschulen oder ähnlichen Einrichtungen. Das ist eine Steigerung gegenüber den Jahren zuvor, die laut verschiedenen Bildungsdirektionen und Statistiken bestätigt wird. Das Bildungsministerium erklärt, dass die Zunahme eine „tendenzielle Entwicklung“ sei, die durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst wird (siehe Bericht bei Salzburg24).

Neue Sonderschulen sorgen für Wirbel

Besonders brisant: In Oberösterreich sind aktuell zwei neue Sonderschulen in Perg und in der Nähe von Linz in Planung. Diese Pläne schlagen hohe Wellen. Die Organisation Lebenshilfe Österreich äußert „scharfe Kritik“ und spricht von einer Benachteiligung der betroffenen Schülerinnen und Schüler. Man fürchtet, dass mit der vermehrten Einrichtung von Sonderschulen der inklusive Gedanke ausgehöhlt wird (Bizeps.at berichtete am 6. Oktober 2025).

Auch der Behindertenrat Österreich warnt eindringlich davor, diese Entwicklung ungebremst voranzutreiben. In einer Presseaussendung appelieren sie an die Verantwortlichen, die Planungen für den Bau der neuen Einrichtungen umgehend zu stoppen, da sie die Empfehlungen des UN-Fachausschusses ignoriere (Behindertenrat.at).

Kritiker sehen Inklusion in Gefahr

Die Wiederbelebung der Sonderschulen wird von vielen Inklusionsexperten als Rückschritt gewertet. So bezeichnet etwa Inklusionsexpertin Schwab die erneute Stärkung der Sonderschulen als „klare Benachteiligung“ für Schüler mit Behinderung. Der ursprüngliche Geist der UN-Konvention, wonach alle Kinder gleichberechtigt und gemeinsam unterrichtet werden sollen, wird damit konterkariert (Der Standard, Oktober 2025).

Die Debatte scheint ein Spiegel eines größeren Problems des österreichischen Bildungssystems zu sein, das trotz aller Bekenntnisse zur Integration noch immer zu viele Kinder in separate Schulsysteme abschiebt.

Warum der Trend?

Warum also gibt es wieder mehr Sonderschulen? Experten führen das auf mehrere Gründe zurück. Neben pädagogischen Herausforderungen in inklusiven Schulformen werden immer wieder verhaltensauffällige Kinder genannt, die in Regelschulen als „nicht passend“ empfunden werden. Zusätzlich könnte der Mangel an speziell ausgebildeten Lehrkräften und Unterstützungsangeboten an regulären Schulen den Ausbau von Sonderschulen begünstigen.

Das Bildungsministerium verweist auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler und betont, dass alle Maßnahmen dem Wohl der Kinder dienen sollen. Doch Kritiker sehen hierin oft keine echte Antwort auf das grundsätzliche Problem der Ausgrenzung.


Quelle: Bericht bei oe24.at, Der Standard, Salzburg24, Bizeps.at, und Behindertenrat.at.

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