Albaniens Ministerpräsident Edi Rama nutzte ein Wirtschaftsforum am Comer See, um Europa scharf zu kritisieren und einen rascheren EU-Beitritt der Westbalkan-Staaten zu fordern. Sein dramatischer Vergleich mit der sinkenden Titanic wirft dabei auch eine unbequeme Gegenfrage auf: Wie beitrittsreif ist sein eigenes Land tatsächlich, während zuhause seit Monaten gegen Korruption in seiner Regierung protestiert wird?
„Der Eisberg liegt vor uns“
Beim Wirtschaftsforum TEHA in Cernobbio wählte Rama drastische Bilder für seine Europa-Kritik: „Wir hören schöne Musik, während die Titanic ihren Kurs nicht ändert und der Eisberg vor uns liegt.“ Sein Hauptvorwurf richtet sich gegen die technologische Rückständigkeit der Union: Vier der fünf wichtigsten Technologien würden gar nicht in Europa produziert, keine europäische Universität finde sich unter den 20 besten der Welt, nur vier unter den ersten 50. Auch bei kritischen Rohstoffen sieht Rama die EU in der Bredouille – eine Aufnahme der Westbalkan-Staaten mit ihren Rohstoffvorkommen, etwa albanischem Kupfer, könnte das nach seiner Darstellung ändern. Sein Land halte deshalb bewusst Investoren aus China und anderen Staaten zurück, um auf europäisches Kapital zu warten.
Forderung nach Ende des Vetorechts
Konkret fordert Rama, dass die sieben Länder im EU-Beitrittsprozess „sofort an den Tisch der Europäischen Union“ geholt werden. Es sei „sehr frustrierend“, dass Albanien auf seinem Weg immer wieder zurückgeworfen werde, so der Regierungschef – moderate Regierungen gerieten dabei zunehmend unter Druck extremer politischer Kräfte. Eine echte Erweiterung hält er ohne eine Reform des EU-Vetorechts für kaum realistisch. Als Ausweg schlägt er eine schrittweise Integration der Kandidatenländer in den EU-Binnenmarkt vor, verbunden mit der Idee, jungen Menschen aus Drittstaaten nach einem Studium in Europa direkt einen europäischen Pass anzubieten – ein Vorschlag, den er angesichts der schrumpfenden europäischen Erwerbsbevölkerung als Chance für den Arbeitsmarkt verkauft. Bei der Migrationsfrage warnte Rama zudem vor einem „demografischen Winter“ Europas und bekräftigte seine Nähe zu Italien und Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die er als „schön“ und „sehr gut“ bezeichnete.
Die andere Seite: Korruptionsermittlungen im engsten Regierungskreis
So pointiert Rama gegen die Langsamkeit Brüssels wettert, so unbequem ist der Blick auf sein eigenes Haus. Gegen mehrere seiner engsten politischen Weggefährten laufen Verfahren der albanischen Sonderstaatsanwaltschaft für Korruption und organisierte Kriminalität (SPAK) – einer Behörde, die einst auf Druck von USA und EU eingerichtet wurde, um genau solche Fälle aufzuklären. Betroffen war zuletzt seine langjährige Vize-Regierungschefin und Infrastrukturministerin Belinda Balluku: Ihr wirft die Staatsanwaltschaft vor, sich in Ausschreibungsverfahren für öffentliche Bauprojekte eingemischt zu haben, um bestimmte Unternehmen zu bevorzugen. Rama entließ sie im Februar 2026 aus der Regierung, das Parlament lehnte jedoch im März eine Aufhebung ihrer Immunität ab – ein Verfahren gegen sie ist damit vorerst blockiert. Auch mehrere weitere frühere Weggefährten Ramas verloren zuletzt ihre Posten im Zuge von Ermittlungen, darunter der frühere Tiraner Bürgermeister Erion Veliaj sowie Ex-Innenminister Saimir Tahiri.
Wochenlange Proteste und die „Flamingo-Revolution“
Die Vorwürfe blieben nicht folgenlos: Seit November 2025 kommt es in Tirana im Schnitt etwa einmal pro Woche zu Protesten gegen Ramas Regierung, angeführt unter anderem von Oppositionsführer Sali Berisha. Dabei kam es wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei, die mit Tränengas und Wasserwerfern reagierte. Zusätzliche Dynamik erhielt die Protestbewegung durch ein umstrittenes Luxusresort-Projekt mit Verbindungen zu Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, das in einem albanischen Naturschutzgebiet entstehen soll. Auch hier hat die SPAK inzwischen eigene Ermittlungen aufgenommen, nachdem Umweltverbände vor Gefahren für die biologische Vielfalt gewarnt hatten. Kritiker sprechen mittlerweile von einer „Flamingo-Revolution“ und werfen der Regierung vor, ein System geschaffen zu haben, in dem faire Ausschreibungen kaum mehr möglich seien.
Ramas Balanceakt zwischen Selbstkritik und Abwehr
Rama selbst hat die Problematik in der Vergangenheit nicht rundweg bestritten. Im Gespräch mit Euronews räumte er ein, Kriminalität und Korruption seien „ernste Probleme“, relativierte aber zugleich, dass organisierte Kriminalität nicht auf Tirana beschränkt sei – „Brüssel hat auch Kriminalität“, so seine Formulierung. Genau diese Gemengelage aus einerseits eingeräumten Problemen und andererseits fortgesetzter Regierungspraxis dürfte mit ein Grund sein, warum die EU-Kommission in ihrem jüngsten Erweiterungsbericht zwar Reformfortschritte Albaniens anerkennt, gleichzeitig aber ausdrücklich weitere Anstrengungen gegen organisierte Kriminalität und Geldwäsche einfordert, bevor ein Beitritt – anvisiert für 2030 – realistisch wird.
Ramas Titanic-Warnung an Europa mag als Bild für die technologische und geopolitische Trägheit der Union treffend sein. Wer aber gleichzeitig einen beschleunigten EU-Beitritt fordert, während im eigenen Land die Antikorruptionsbehörde gegen die eigene Vize-Regierungschefin ermittelt und wochenlange Proteste die Hauptstadt lähmen, muss sich die Frage gefallen lassen, ob nicht auch im eigenen Regierungssitz ein Eisberg lauert.
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