Linksradikale Gruppen rufen zur Demonstration gegen die Gedenkstätte Buchenwald auf – ausgerechnet am Jahrestag der Befreiung. Der Vorwurf: Die Leitung betreibe „Geschichtsrevisionismus“ und sei zu israelfreundlich. Politiker reagieren mit scharfer Kritik.
Ein Ort der Trauer wird zur politischen Bühne
In dem Konzentrationslager auf dem Ettersberg bei Weimar wurden zwischen 1937 und 1945 mehr als 56.000 Menschen ermordet, darunter zahlreiche Juden. JUNGE FREIHEIT Nun soll dieser Ort Schauplatz eines politischen Protests werden – gegen die Gedenkstätte selbst.
Wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet, mobilisieren linksradikale Gruppen unter dem Slogan „Kufiyas in Buchenwald“ für das Wochenende rund um den 11. April – den Jahrestag der Befreiung des Lagers. Ob der Protest in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte abgehalten werden soll, ist bislang ungewiss. NZZ
Der Auslöser: Ein Palästinensertuch und ein Gerichtsurteil
Der Streit hat eine konkrete Vorgeschichte. Im April 2025 verweigerten Mitarbeiter der Gedenkstätte einer Frau den Zutritt, weil sie mit einer Kufiya auf dem Gelände gegen Israel protestieren wollte. Das Verwaltungsgericht Weimar entschied im Eilverfahren im Sinne der Gedenkstätte – das Tragen der Kufiya könne „jedenfalls im aktuellen politischen Kontext als Ausdruck der Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden verstanden werden“. Unsere Zeit
Laut Bild war die Klägerin Mitglied einer kommunistischen Organisation, die das Hamas-Massaker vom Oktober 2023 öffentlich gefeiert hatte. In einer Stellungnahme der Gruppe hieß es damals: „Wir können diesen Aufstand nur bewundern“, er sei „in Gänze legitim, genau wie all seine Mittel.“
Wer steckt hinter der Kampagne?
Organisiert wird die Kampagne vom Umfeld des „Kufiya-Netzwerks“. Beteiligt sind unter anderem die Studentenorganisation der Linkspartei, die sich als jüdisch-antizionistisch verstehende Organisation „Jüdische Stimme“ sowie die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). NZZ
In ihrer gemeinsamen Erklärung werfen die Gruppen der Gedenkstätte vor, sie sei zu einem Ort des „Geschichtsrevisionismus und der Genozid-Leugnung“ geworden und verbreite „israelische Propaganda“. Vorangetrieben werde ein Angriff, der „Geschichtsrevisionismus sowie einen regressiven Antizionismus“ transportiere – und wo Letzterer sich einfindet, sei der Antisemitismus meist nicht weit entfernt haGalil, analysiert das jüdische Informationsportal haGalil.
Scharfe Reaktionen aus Politik und Wissenschaft
Die Gedenkstätte selbst reagierte besorgt. Ein Sprecher der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora erklärte gegenüber der NZZ: „Wir sind besorgt, dass versucht wird, das Gedenken unangemessen zu instrumentalisieren.“ NZZ
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, fand noch deutlichere Worte. Er sprach von einem „neuen Tiefpunkt der leider so geläufigen Täter-Opfer-Umkehr“ und verurteilte „diesen frontalen Angriff auf die Würde des Erinnerns an die Opfer der Shoah auf das Schärfste“. Gedenkstätten seien „Orte der stillen Erinnerung“. NZZ
Der Grünen-Politiker Max Lucks bezeichnete die Kampagne als „empathielosen Angriff auf den Schutz der Opfer des Nationalsozialismus und ihrer Gedenkstätten“. NZZ
Was die Gedenkstätte tatsächlich vertritt
Wichtig für das Gesamtbild: Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner ist kein unkritischer Israel-Versteher. Er zeigte sich bestürzt über die Einflussnahme der israelischen Botschaft auf Einladungen zur Gedenkstätte und warnte vor einer Verdrehung der Geschichte. taz.de Ein pauschales Kufiya-Verbot existiert laut Gedenkstätte ebenfalls nicht – man müsse die Tücher jedoch untersagen, wenn Hamas-Unterstützer „diese im Rahmen des Gedenkens tragen wollen“. NZZ
Dass ausgerechnet ein Ort, der dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet ist, nun als Bühne für politische Provokationen dienen soll – darüber sind sich Experten und Politiker parteiübergreifend einig: Das ist eine neue Qualität der Geschichtspolitik in Deutschland.
Quellen: exxpress.at (21.2.2026), Neue Zürcher Zeitung (nzz.ch), haGalil.com, taz.de, Verwaltungsgericht Weimar (zitiert via unsere-zeit.de)
Credits: Von Michael J. Zirbes – Privatarchiv, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12121185
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