ÖVP bremst Wiederkehr: „Keine vernünftige Substanz“

ÖVP bremst Wiederkehr: „Keine vernünftige Substanz“

Christoph Wiederkehr (NEOS) hat ein Problem: Sein Koalitionspartner spielt nicht mit. Der Bildungsminister kündigte mit großem Tamtam Lehrplanreformen und ein Pilotprojekt zur sechsjährigen Volksschule an. Die ÖVP reagiert – gelinde gesagt – ungehalten.

„Das können wir aber nur, wenn es auch eine vernünftige Substanz gibt“, kritisiert Bildungssprecher Nico Marchetti laut oe24 die Pläne scharf. Man wolle gerne konstruktiv an Reformen mitarbeiten. Doch noch liege nichts am Tisch – weder Unterlagen noch Verhandlungstermine oder eine Einbindung der Personalvertretung.

Latein gegen KI – ein heißes Eisen

Besonders brisant: Wiederkehrs Plan, in der AHS-Oberstufe Stunden bei Latein und der zweiten lebenden Fremdsprache zu kürzen. Stattdessen sollen ab 2027/28 neue Fächer kommen: „Informatik und Künstliche Intelligenz“ sowie „Medien und Demokratie“. Wie der ORF berichtet, würde das bedeuten: Statt drei nur noch zwei Wochenstunden Latein pro Schulstufe.

Für Marchetti ist das keineswegs ausgemacht. „Wir sind noch am Start“, stellt der ÖVP-Generalsekretär gegenüber der APA klar. Die Reform der AHS-Oberstufenlehrpläne sei nicht fix – man sei hier erst am Anfang.

ÖVP fordert Gesamtkonzept

Bei sensiblen Themen wie Lehrplänen, wo es viele Wünsche und Erwartungen gebe, müsse sich die Politik gesamthaft überlegen, welche Inhalte ein modernes Bildungssystem braucht, so Marchetti. KI müsse kein neues Fach sein, sondern sollte als Technik in jedem Fach behandelt werden – so der Zugang der ÖVP-nahen Lehrervertretung.

Und gerade in Zeiten von KI und ChatGPT brauche es mehr humanistische Bildung und nicht weniger, argumentiert der Bildungssprecher. Man sei in der Sache nicht weit auseinander, aber bei sensiblen Themen gehe es um Details. Darüber müsse man in der Koalition „gesamthaft reden, unter Einbindung der betroffenen Schulen“.

Gymnasium bleibt tabu

Beim rot-pinken Pilotprojekt zur sechsjährigen Volksschule in Wien stellt Marchetti unmissverständlich klar: „Das Gymnasium steht für die ÖVP nicht zur Disposition.“ Die SPÖ will eine Gesamtschule für alle Zehn- bis 14-Jährigen, die ÖVP verteidigt das Gymnasium – in dieser Frage prallen Welten aufeinander.

Laut Schule.at soll über die gesamte AHS-Oberstufe gerechnet Latein von zwölf auf acht Wochenstunden gekürzt werden. In Realgymnasien, wo zwischen Latein und einer zweiten lebenden Fremdsprache gewählt werden kann, sollen ebenfalls Stunden gestrichen werden.

SPÖ sieht Chancen

SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer plädiert laut oe24 für eine „breite und umfassende“ Reform. Dazu gehöre auch eine Diskussion über eine Gemeinsame Schule und mehr Schulautonomie bei Lehrinhalten. „Wer Bildung ganzheitlich denkt, stärkt nicht nur Fachwissen, sondern auch soziale, digitale und demokratische Kompetenzen.“

Viele sozialdemokratische Forderungen wie den Chancenbonus oder mehr Deutschförderung habe man bereits verwirklicht, betont Himmer. Wenn die angedachten Reformen solche Kompetenzen stärken, sei er „zuversichtlich“.

Widerstand formiert sich

Die Kritik kommt nicht nur aus der Koalition. Herbert Weiß, Vorsitzender der AHS-Lehrergewerkschaft, sprach laut ORF von einem „Anschlag auf das Gymnasium“. Er halte die Einschränkung von Sprachen in Zeiten der Globalisierung für „grundsätzlich einen Fehler“.

Wie News4teachers berichtet, kritisierte auch Nina Aringer vom Institut für Klassische Philologie der Uni Wien die Pläne. KI und Demokratiebildung „in alle Fächer zu implementieren, erscheint mir deutlich sinnvoller als ein aus dem Boden gestampftes Schulfach, wo es noch keinen Lehrplan und noch keine adäquate Ausbildung gibt“.

Wiederkehr hält dagegen

Der Bildungsminister lässt sich nicht beirren. Er schätze es, dass Wiederkehr das Bildungssystem positiv entwickeln wolle, sagt Marchetti diplomatisch. „Aber wenn man zu Entscheidungen und tatsächlichen Reformen kommen muss, gibt es halt andere Modi als Parteiformate. Und dann muss man sich zusammensetzen und handfeste Politik machen.“

Eine Umfrage, auf die sich Wiederkehr beruft, zeigt laut Nachrichten.at: 83 Prozent der Schüler und 74 Prozent der Eltern befürworten Kürzungen bestehender Lehrinhalte zugunsten neuer Themen. Selbst 71 Prozent der Lehrer seien dafür – wobei sich AHS-Oberstufenlehrer am skeptischsten zeigten.

Koalitionskrach programmiert

Marchetti macht deutlich: Parteipolitische Vorstellungen seien in Ordnung – auch Bundeskanzler Christian Stocker habe kürzlich welche vorgestellt. Doch wenn man zu Entscheidungen kommen müsse, brauche es andere Formate. „Das fände ich auch im Bildungsbereich sinnvoll.“

Die Botschaft ist klar: Wiederkehr soll aufhören, Alleingänge zu machen, und endlich mit dem Koalitionspartner reden. Sonst wird aus dem „Plan Z“ für das Bildungssystem schnell ein Plan für den nächsten Koalitionskrach.

Credits: APA

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