Österreichs Top-Militärexperte Oberst Markus Reisner warnt vor einer großen Sommeroffensive der russischen Armee. Und auch davor, dass der Ukraine die Munition ausgeht und zu wenig Soldaten die Verluste ersetzen – dann drohe der Kollaps der Front.
Die Ukraine steht vor einer entscheidenden Phase in einem Krieg, der nicht nur militärisch, sondern zunehmend auch psychologisch und politisch geführt wird. In den vergangenen Tagen hat Russland eine massive Welle koordinierter Luftangriffe gestartet – eine Eskalation, die Beobachter als gezielte Strategie zur Erschöpfung der ukrainischen Verteidigung interpretieren. Oberst Markus Reisner, Militärexperte des österreichischen Bundesheers, analysiert nun für die Berliner Zeitung die Lage absolut sachlich: „Wir erleben derzeit einen strategischen Wechsel im russischen Vorgehen. Moskau will die ukrainische Luftabwehr systematisch überlasten, um den Weg für eine große Sommeroffensive freizumachen.“ Reisner zufolge steht dabei insbesondere die ukrainische Verteidigungsindustrie rund um Kiew im Fokus russischer Präzisionsangriffe.
Luftabwehr unter Dauerstress
Die russische Taktik folgt einem klaren Muster: Zunächst werden Schwärme von Geran-2-Drohnen eingesetzt, um die Abwehrsysteme zu schwächen. Danach erfolgen massive Raketenangriffe, gefolgt von weiteren Drohnenschlägen. Laut Reisner zeigt dieses Vorgehen Wirkung: „Videos aus der Ukraine belegen, dass die Abwehrkräfte zunehmend überfordert sind.“ Besonders im Visier seien ukrainische Drohnenfabriken – ein Versuch, Kiews Fähigkeit zu Gegenangriffen zu unterbinden. Trotz der Zerstörungen bleibt die Zahl der Todesopfer bislang relativ gering – ein Indiz dafür, dass der Zivilschutz noch funktioniert. Doch die Frage ist, wie lange das angesichts des Dauerbeschusses noch so bleibt.
Politisches Vakuum im Westen
Während sich die Lage an der Front dramatisch zuspitzt, sendet die westliche Politik widersprüchliche Signale. Ausgerechnet der US-Präsident Donald Trump sorgt mit widersprüchlichen Aussagen für Irritationen. Zwar nannte er Russlands Präsidenten Wladimir Putin aktuell „verrückt“, äußerte jedoch im selben Atemzug scharfe Kritik an der ukrainischen Führung unter Wolodymyr Selenskyj. Dessen Rhetorik „verursache Probleme“ und solle „aufhören“, so Trump auf seiner Plattform Truth Social.
Für Reisner sind solche Aussagen brandgefährlich: „Putin wird das als Zeichen interpretieren, dass der Westen die Unterstützung für Kiew lockern könnte – und daraus den Mut schöpfen, jetzt alles auf eine Karte zu setzen.“
Vorbereitung auf Großoffensive
Die russischen Streitkräfte bereiten sich laut dem Militärexperten bereits konkret auf die nächste Angriffswelle vor. Insbesondere rund um die Stadt Wowtschansk, nördlich von Charkiw, würden Truppen und Material zusammengezogen. „Die Frühjahrsoffensive war nur das Vorspiel. Der entscheidende Schlag wird im Sommer erwartet. Und diesmal soll der operative Durchbruch gelingen“, warnt Reisner.
Hinzu komme der enorme Druck auf die Nachschublinien der Ukraine. „Munition, Ersatzkräfte, technische Unterstützung – all das wird knapp. Sollte es hier zu Engpässen kommen, könnte alles sehr schnell gehen, könnte die Frontlinie rasch zusammenbrechen.“
Drohnenkrieg als neue Kriegsrealität
Ein besonders düsteres Bild zeichnet Reisner von der taktischen Situation: Der Krieg wird zunehmend von Drohnen bestimmt. Beide Seiten hätten sogenannte „Todeszonen“ geschaffen – 15 Kilometer breite Korridore, in denen jede Bewegung sofort attackiert wird. „Etwa 70 Prozent der Verluste entstehen mittlerweile durch Drohnen. Es ist, als würden tausende Scharfschützen am Himmel patrouillieren“, so der Experte.
Russland setze verstärkt auf kleine, mobile Einheiten, die versuchen, Lücken in den ukrainischen Linien zu finden – trotz hoher Verluste. Kiew reagiere mit kilometerlangen Stacheldrahtbarrieren und elektronischer Gegenwehr, doch die russische Seite passe sich schnell an. Zwar habe die Ukraine ihre eigene Drohnenproduktion massiv ausgeweitet, doch Moskau produziere – auch dank chinesischer Hilfe – derzeit noch schneller.
Entscheidungsschlacht?
Reisners Ausblick ist ernüchternd: „Die nächsten Wochen werden zeigen, ob dieser Krieg in eine Verhandlungsphase übergeht – oder in eine militärische Katastrophe für die Ukraine mündet.“ Trotz aller Tapferkeit der ukrainischen Bevölkerung und Streitkräfte bleibe die nüchterne Realität bestehen: „Am Ende entscheiden Logistik, Nachschub und strategische Geduld. Und aktuell läuft die Zeit gegen die Ukraine.“
Die Parallele zum Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion sei auffällig, meint Reisner abschließend: „Finnland überlebte als Staat – aber verlor Karelien. Auch die Ukraine hat Geschichte geschrieben. Doch Geschichte allein gewinnt keinen Krieg.“

Credits: APA, Bundesheer
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