Wenige Wochen vor der israelischen Parlamentswahl sorgt ein Enthüllungsbuch für politischen Sprengstoff: Es wirft Ministerpräsident Benjamin Netanyahu vor, konkrete Warnungen vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober ignoriert zu haben. Netanyahu selbst weist die Vorwürfe als „absolute Lüge“ zurück.
Ein Anruf zehn Tage vor dem Massaker
Am 27. Oktober wählt Israel ein neues Parlament – mitten in diesem Wahlkampf sorgen Vorabauszüge aus dem Buch „Kidnapped: 843 Days of Abandonment“ der Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval für Aufsehen. Wie die Recherchen zeigen, die von der Zeitung „Haaretz“ vorab veröffentlicht wurden, soll der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed Al Nahyan, Netanyahu rund zehn Tage vor dem Massaker in einem 45-minütigen Telefonat gewarnt haben: Hamas-Chef Yahya Sinwar plane demnach eine große Operation gegen Israel. Die Recherche stützt sich nach eigenen Angaben auf drei hochrangige ausländische Quellen sowie einen Berater des emiratischen Präsidenten. Der emiratische Präsident soll dabei vor Blutvergießen, regionaler Destabilisierung und einer Gefährdung der Abraham-Abkommen gewarnt haben – Netanyahu habe geantwortet, er erwarte eher eine Hamas-Operation im Westjordanland und Israel sei vorbereitet. Auch die „Times of Israel“ berichtete unter Berufung auf eine mit der Angelegenheit vertraute emiratische Quelle von einem entsprechenden Warnanruf kurz vor dem Massaker. Die Vereinigten Arabischen Emirate selbst wollten sich zu den Medienberichten und Spekulationen über Gespräche zwischen Regierungschefs nicht äußern.
Auch Ägypten und der eigene Geheimdienst warnten
Laut dem Buch blieb es nicht bei der Warnung aus Abu Dhabi. Auch der damalige ägyptische Geheimdienstchef Abbas Kamel soll gewarnt haben, die Hamas plane „etwas Außergewöhnliches, eine schreckliche Operation“. Selbst aus den eigenen Reihen soll es demnach unüberhörbare Signale gegeben haben: Shin-Bet-Chef Ronen Bar habe Netanyahu vor einem drohenden „Erdbeben“ gewarnt und empfohlen, Hamas-Führer gezielt zu töten – ein Vorschlag, den Netanyahu abgelehnt haben soll.
Betroffene Angehörige fordern Untersuchung
Für die Angehörigen der Opfer sind die Vorwürfe mehr als eine politische Fußnote. Ruby Chen, dessen 19-jähriger Sohn Itay im Kampf gegen Hamas-Terroristen fiel und dessen Leichnam erst im November 2025 zurückgebracht wurde, sagte gegenüber „Bild“: „Was wäre gewesen, wenn an diesem Morgen doppelt oder dreimal so viele Soldaten dort gewesen wären?“ Er fordert eine unabhängige Untersuchungskommission – ein Ansinnen, das die Regierung bislang ablehnt. Auch aus der Opposition kommt Kritik: Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot wirft Netanyahu vor, Dutzende Warnungen ignoriert zu haben. Yonatan Shalev von der Partei B’Yachad geht gegenüber „Bild“ noch weiter und spricht Netanyahu die „unmittelbare Verantwortung“ dafür zu, die Sicherheitsbehörden nicht alarmiert zu haben.
Netanyahus Büro spricht von Wahlkampf-Lüge
Das Büro des Regierungschefs weist sämtliche Vorwürfe kategorisch zurück: Netanyahu habe im fraglichen Zeitraum weder mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate telefoniert noch eine entsprechende Warnung erhalten. Die „falsche Geschichte“ sei Teil des Wahlkampfs der politischen Linken, heißt es aus seinem Büro weiter. Netanyahu kündigte zudem eine Klage gegen die linksliberale Zeitung „Haaretz“ wegen der Berichterstattung an.
Sicherheitsversagen bleibt Wahlkampfthema
Eine differenziertere Einordnung liefert der israelische Militärhistoriker Danny Orbach von der Hebräischen Universität Jerusalem. Gegenüber „Bild“ gibt er zu bedenken, dass sich auch die Sicherheitsbehörden selbst fragen lassen müssten, warum sie trotz eigener Warnungen ihre Einsatzbereitschaft nicht erhöht hatten. Die Frage der Verantwortung für das Sicherheitsversagen vor dem 7. Oktober bleibt damit ein zentrales Streitthema im laufenden Wahlkampf – bei dem laut aktuellen Umfragen weder Netanyahus Lager noch das seiner politischen Gegner mit einer absoluten Mehrheit rechnen kann.
Credits: Avi Ohayon / Government Press Office of Israel, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128577654
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