Der Pfiff, der wehtut: Aber Selbstkritik? Ein Fremdwort für Meinl-Reisinger

Der Pfiff, der wehtut: Aber Selbstkritik? Ein Fremdwort für Meinl-Reisinger

Ein paar Kirtagsbesucher buhen, und schon hat Beate Meinl-Reisinger die Erklärung parat: eine „Störaktion einer Handvoll FPÖler“. Als hätte da wer heimlich die Blasmusik sabotiert und nicht einfach ein paar Leute im Bierzelt ihre Meinung rausgelassen. Man fragt sich kurz, ob als Nächstes noch eine Sonderkommission eingerichtet wird.

Wenn die Bubble platzt

Schauen wir uns die Ausgangslage an, bevor wir über Pfiffe reden. Die eigene Partei dümpelt bei Umfragewerten, die selbst der treueste Parteifreund nur noch mit gequältem Lächeln kommentiert. Die Außenministerin musste sich erst wenige Tage zuvor scharfe Kritik wegen einer 107.000-Euro-Konferenz gefallen lassen, die ihr Ressort mitfinanziert hatte. Und dann steht sie im Festzelt, hört ein paar Buhrufe – und die erste Regung ist nicht „vielleicht sollte ich mal drüber nachdenken“, sondern der reflexartige Griff zur Schuldzuweisung. Handvoll FPÖler, erledigt, Fall abgeschlossen. Selbstreflexion: Fehlanzeige.

„Provozieren, polarisieren, spalten“ – ausgerechnet sie

Der eigentliche Brüller kommt aber erst jetzt: Meinl-Reisinger wirft der FPÖ vor, mit Provokation und Spaltung Politik zu machen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Denn ausgerechnet ihre eigenen Aussagen sind in den vergangenen Jahren reihenweise durch den Faktencheck gerauscht – und nicht gerade mit Bestnote. Die Fakten-Rubrik „Faktiv“ von profil hat mehrfach nachgezählt.

Als sie behauptete, die NEOS hätten in der Oppositionszeit nie nach Sebastian Kurz‘ Reisekosten gefragt, reichte ein Blick ins Parlamentsarchiv, um sie eines Besseren zu belehren – ihre eigene Partei hatte genau das mehrfach getan, das Urteil lautete „irreführend“. Bei der von ihr gepriesenen „Förder-Taskforce“ landete ihre Darstellung ebenfalls bei „irreführend“, weil das Gremium weder alle Förderungen prüft noch annähernd das leistet, was sie öffentlich versprochen hatte. Bei der Parteienförderung, eigentlich ureigenstes NEOS-Terrain, kassierte sie für ihre Behauptung über angebliche Blockierer bei anderen Parteien ein „größtenteils falsch“. Schon 2023 hatte profil ihren Vergleich zwischen dem österreichischen und dem britischen Budgetdefizit zerpflückt – die von ihr genannten Zahlen passten nicht zusammen. Und ihre vielzitierte Behauptung, ein Hilfskoch mit 1.800 Euro brutto trage dieselbe Steuerlast wie einst eine Spitzenverdienerin in den 1970er-Jahren, wurde von profil in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer schlicht mit „falsch“ bewertet – ihre eigene Prozentrechnung stimmte nicht.

Wer selbst so häufig beim Schummeln mit der Wahrheit erwischt wird, sollte den Vorwurf der Polarisierung vielleicht nicht ausgerechnet an die Konkurrenz weiterreichen. Da wirft eine im Glashaus sitzende Ministerin mit Steinen.

Realität lässt sich nicht wegbuhen

Die eigentliche Frage ist ja nicht, ob ein paar FPÖ-Anhänger im Bierzelt unhöflich waren. Die eigentliche Frage ist: Warum deutet eine Spitzenpolitikerin echten Unmut sofort als Verschwörung einer Randgruppe, statt sich wenigstens kurz zu fragen, ob da vielleicht was dran sein könnte? Wer zwischen Wien, Brüssel und internationalen Konferenzsälen pendelt, verliert offenbar irgendwann das Gespür dafür, wie die eigene Performance außerhalb dieser Räume ankommt. Ein Kirtag in der Provinz wird dann nicht mehr als das genommen, was er ist – ein Fest mit Blasmusik und Bier –, sondern als Bühne für die nächste Selbstinszenierung. Inklusive Instagram-Post über die „großartige Stimmung“, kaum dass man öffentlich ausgepfiffen wurde. Chuzpe hat die Frau, das muss man ihr lassen.

Was am Ende bleibt

Buhrufe kann man ignorieren. Man kann auch drüber lachen. Was man besser bleiben lässt: sie zur finsteren Verschwörung einer politischen Splittergruppe hochstilisieren, während die eigenen Aussagen reihenweise im Faktencheck durchfallen und man selbst gerade erst wegen einer Kostenaffäre in der Kritik stand. Das wirkt nicht souverän. Das wirkt wie jemand, der den Spiegel im Vorzimmer stehen gelassen hat. Und es zeigt vor allem, wie weit sich manche in der Politik von jenen entfernt haben, für die sie eigentlich arbeiten sollten.

Credits: BKA-Tarek Wilde

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