Millionen an Schmiergeld, wilde Deals und ein tiefer Fall: Jahrelang belastete den teilstaatlichen italienischen Industriebetrieb Finmeccanica ein Korruptions-Skandal. Mit einer Namensänderung auf Leonardo war die Firma dann wieder supersauber – und bei Leonardo bestellt Österreichs Verteidigungsministerium aktuell um 1,1 Milliarden Euro 12 Unterschall-Jets. Ungarn kauft ebenfalls 12 Unterschall-Kampf- und Trainings-Jets in Tschechien um 240 Millionen Euro.
Es war ein Skandal, der nicht nur die italienische Rüstungsindustrie erschütterte, sondern auch internationale politische VIPs erfasste. Im Zentrum: Finmeccanica, der staatlich dominierte Industriekonzern, heute unter dem neuen Namen Leonardo S.p.A. bekannt. 2013 kulminierten die Ermittlungen in einem dramatischen Höhepunkt: Der damalige CEO Giuseppe Orsi wurde festgenommen – der Vorwurf lautete auf Korruption, Geldwäsche und Steuerbetrug.
Helikopter-Deal mit Indien
Auslöser der Affäre war ein milliardenschwerer Rüstungsdeal zwischen dem indischen Verteidigungsministerium und dem Finmeccanica-Tochterunternehmen AgustaWestland. Es ging um den Verkauf von zwölf VIP-Hubschraubern des Typs AW101 für rund 560 Millionen Euro. Bereits kurz nach Vertragsabschluss im Jahr 2010 kamen Zweifel auf: Hatten Vermittler auf beiden Seiten Schmiergeldzahlungen veranlasst, um den Deal zu sichern?
Indische Behörden behaupteten, dass bis zu 51 Millionen Euro in dunkle Kanäle geflossen sein sollen – darunter zu hochrangigen Beamten und sogar Mitgliedern des indischen Militärs. Die Spur führte angeblich direkt zurück in die Chefetagen von Finmeccanica. 2013 folgte der Knall: Giuseppe Orsi, zuvor gefeierter Manager, wurde in Italien festgenommen.
Konzern teilweise im Staatsbesitz
Finmeccanica – und heute Leonardo – ist kein gewöhnlicher Industriekonzern. Der italienische Staat hält über das Finanzministerium 30 % der Aktien und ist damit größter Einzelaktionär. Die Regierung hat sich in der Vergangenheit nicht nur in Personalfragen, sondern auch in strategischen Entscheidungen des Unternehmens regelmäßig eingebracht.
Diese enge Verbindung zwischen Staat und Industrie hat Vor- und Nachteile: Einerseits sichert sie italienischen Einfluss in der globalen Rüstungsbranche. Andererseits schafft sie ein Spannungsfeld zwischen staatlicher Verantwortung und unternehmerischer Rechenschaftspflicht, besonders wenn Korruption im Raum steht. Kritiker warfen der Politik immer wieder vor, wegzuschauen oder sogar bewusst Einfluss auf Ermittlungen genommen zu haben.
Ein System der „kreativen Vermittlung“?
Was die Ermittler in der Folge entdeckten, war ein komplexes Netz aus Strohmännern, Scheinfirmen und Auslandskonten. Zahlreiche Vermittler sollen systematisch Bestechungsgelder gezahlt haben, um Aufträge an Land zu ziehen – nicht nur in Indien, sondern auch in Brasilien, Panama und Südafrika. Intern kursierte der zynische Begriff der „kreativen Vermittlung“, der längst gängige Praxis gewesen sein soll.
Der Fall offenbarte tiefe strukturelle Probleme im Unternehmen und warf zugleich ein grelles Licht auf die Verflechtungen zwischen Politik und Industrie in Italien.
Von Finmeccanica zu Leonardo – ein Rebranding mit Signalwirkung?
2017 folgte schließlich der symbolträchtige Schritt: Finmeccanica wurde zu Leonardo S.p.A., benannt nach dem italienischen Universalgenie Leonardo da Vinci. Der neue Name sollte einen Bruch mit der Vergangenheit markieren – doch Kritiker sahen darin vor allem ein geschicktes Rebranding, um das ramponierte Image aufzupolieren.
Tatsächlich hat das Unternehmen seither umfassende Compliance-Programme eingeführt, internationale Transparenzstandards übernommen und zahlreiche Führungsposten neu besetzt. Auch in juristischer Hinsicht wurde aufgeräumt: Orsi wurde in einem der zentralen Verfahren zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt – später jedoch freigesprochen. In Indien wurde der Vertrag storniert, gegen einige Tatverdächtige wird noch immer ermittelt.
Trotz aller Reinigungsversuche haftet der Korruptionsskandal Leonardo bis heute an. In einer Branche, die per Definition im Spannungsfeld von Geheimhaltung, staatlichem Einfluss und Milliardenbeträgen operiert, bleibt Korruption ein ständiges Risiko.
Kurioserweise brachte ein Sprecher des Bundesheeres exxtra24 auf die Idee, sich den Lieferanten der gewünschten und sehr teuren zwölf Unterschall-Kampf- und Trainingsjets genauer anzusehen und die Firmen-Historie aufzuarbeiten: Der Kommunikations-Experte des Verteidigungsministeriums hat nämlich auf X äußerst auffällig gegen den Anbieter der weit günstigeren Jets aus Tschechien argumentiert, die – exxtra24 hat berichtet – immerhin 860 Millionen Euro billiger zu haben wären. So meinte der Heeres-Sprecher: Diese Firma in Tschechien sei unter Kontrolle eine Ex-Sicherheitsberaters von Viktor Orbán, dem ungarischen Premierminister. Gegen den Ex-Berater ist aber bisher kein strafrechtlich relevanter Vorwurf bekannt. Dieser Angriff auf einen möglichen Mitbewerber bei der aktuellen Jet-Bestellung der Bundesregierung zeigte aber, wie sehr die Nerven bei diesem Rüstungs-Deal blank liegen – ein Check der Leonardo-Historie drängte sich da auf.
Besitzverhältnisse & Umstrukturierung von Finmeccanica / Leonardo
Name & Umbenennung:
- Bis 2016: Finmeccanica S.p.A.
- Seit 2017: Leonardo S.p.A. (benannt nach Leonardo da Vinci)
Branche:
- Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Sicherheitstechnologie
Hauptsitz:
- Rom, Italien
Besitzverhältnisse:
- 30,2 % im Besitz des italienischen Staats (über das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen – MEF)
- Restliche Anteile: Streubesitz an der Börse (u. a. institutionelle Anleger)
- Notiert an der Börse Mailand (FTSE MIB)
Mitarbeiter (2024):
- Über 51.000 weltweit, davon 30 % in Italien
Wichtige Tochtergesellschaften:
- AgustaWestland (eingegliedert, heute Teil von Leonardo Helicopters)
- Leonardo DRS (USA)
- Telespazio (Raumfahrt, Joint Venture mit Thales)
- Thales Alenia Space (ebenfalls Joint Venture mit Thales)
Umstrukturierung:
- 2014–2016: Strategische Neuausrichtung durch CEO Mauro Moretti
- Fokus auf „One Company“-Modell: Eingliederung ehemals eigenständiger Marken wie AgustaWestland, Selex, Alenia
- 2017: Offizieller Namenswechsel zu Leonardo zur Abgrenzung von Korruptionsskandalen der Vergangenheit
Credit: Screenshot Leonardo
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