Meinl-Reisinger und das Pensionsalter: Die Fragen, die niemand stellt

Meinl-Reisinger und das Pensionsalter: Die Fragen, die niemand stellt

Die NEOS fordern eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters. Die Zahlen sind real. Aber die Debatte, die dabei nicht geführt wird, ist die eigentlich entscheidende.

Die Diagnose stimmt — aber wessen Medizin ist das?

Das österreichische Pensionssystem ist unter Druck, das ist unbestritten. Laut der langfristigen Budgetprognose 2025, die dem Parlament vorliegt, lagen die gesamtstaatlichen Pensionsausgaben 2026 bei 15,8 Prozent des BIP — Tendenz steigend bis 2034. Laut einer Studie des VBV mussten 2023 bereits 25,7 Milliarden Euro direkt aus dem Bundesbudget in die Pensionsfinanzierung zugeschossen werden — das entspricht fast einem Viertel aller Staatsausgaben. Die Babyboomer gehen erst jetzt in Rente. Die Zahlen werden nicht besser.

Soweit die Diagnose. Die Frage, die Meinl-Reisinger und die NEOS nicht wirklich beantworten, lautet aber: Warum soll die Antwort auf ein strukturelles Problem ausgerechnet bei jenen landen, die körperlich arbeiten, Teilzeit arbeiten oder schlicht wenig verdienen?

Längere Lebenserwartung — aber für wen?

Das Standardargument lautet: Die Menschen leben länger, also müssen sie länger arbeiten. Das klingt logisch — ist aber nur die halbe Wahrheit. Die gestiegene Lebenserwartung verteilt sich in Österreich nicht gleichmäßig. Wer körperlich schwer gearbeitet hat — in der Pflege, am Bau, in der Industrie — lebt im Schnitt deutlich kürzer als jemand, der sein Berufsleben im Büro verbracht hat. Eine pauschale Anhebung des Antrittsalters trifft diese Gruppe doppelt: Sie arbeitet länger und hat statistisch weniger Jahre, die sie als Pension genießt.

Die FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch brachte das in ihrer Kritik auf den Punkt, wie die FPÖ-Aussendung festhält: Für Schwerarbeiter sei die Forderung schlicht nicht tragbar.

Was im Budget bereits beschlossen ist — und was das bedeutet

Parallel zur Pensionsdebatte hat die Regierung im Doppelbudget 2027/28 bereits folgende Maßnahmen beschlossen: Die Beitragsbefreiung bei der Arbeitslosenversicherung für Geringverdiener fällt, die Lohnnebenkosten für über 60-Jährige steigen, und Pensionen werden künftig unter der Inflationsrate erhöht. Laut heute.at verlieren dadurch rund eine Million Menschen — zwei Drittel davon Frauen — bis zu 50 Euro netto im Monat.

Gleichzeitig bleiben große Erbschaften und Kapitalvermögen in Österreich weitgehend unberührt. Es gibt keine Erbschaftssteuer für große Vermögen, keine substanzielle Vermögenssteuer — obwohl Österreich im EU-Vergleich Arbeit überdurchschnittlich stark und Vermögen unterdurchschnittlich schwach besteuert.

Die Fragen, die niemand stellt

Warum wird ein demografisches Problem fast ausschließlich über das Arbeitsleben gelöst — und nicht über eine breitere Verteilung der Finanzierungslast? Warum gibt es keine ernsthafte politische Debatte über eine schrittweise, sozial differenzierte Reform, die Schwerarbeiter explizit ausnimmt? Und warum wird ein höheres Pensionsantrittsalter als alternativlos verkauft, während andere Instrumente — Vermögensbesteuerung, Bekämpfung von Gefälligkeitspensionen, Investitionen in Gesundheitserhaltung älterer Arbeitnehmer — politisch kaum diskutiert werden?

Meinl-Reisinger sagt, es gehe nicht darum, Menschen bis 70 arbeiten zu lassen. Das mag stimmen. Aber solange die begleitenden Maßnahmen im Budget ausschließlich bei Geringverdienern, Frauen in Teilzeit und künftigen Pensionisten ansetzen, bleibt diese Einschränkung eine Behauptung ohne Substanz.

Credits: APA

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest
0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
Inline-Rückmeldungen
Alle Kommentare anzeigen
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x