Damit hatte kaum jemand gerechnet, am wenigsten in dieser Klarheit. Serbien hat Aleksandar Vučić abgewählt. Die Liste der Protestbewegung “Studenten siegen” kommt laut unabhängigen Wahlbeobachtern auf eine absolute Mehrheit. Und der Mann, der das Land 14 Jahre lang zunehmend autoritär regierte, räumte seine Niederlage ein, noch bevor erste Ergebnisse verkündet wurden.
52 zu 40 Prozent
Laut der Wahlbeobachtungsorganisation CRTA erreichte die Studentenliste 51,5 Prozent der Stimmen, Vučićs Fortschrittspartei SNS kam auf 40,4 Prozent, wie der ORF berichtet. Die Organisation CeSID meldete bei 56 Prozent ausgezählter Stimmen 139 Mandate für die Studentenliste und 104 für die SNS. Für eine absolute Mehrheit im 250-köpfigen Parlament sind 126 Sitze nötig. Keine weitere der insgesamt 18 Listen schaffte laut Vučić den Einzug. Offizielle Endergebnisse lagen am Sonntagabend noch nicht vor.
Vučić: “Opposition”
Vučić selbst sprach bei seinem Eingeständnis von “zwischen 135 und 140 Mandaten” für die Studentenliste. Sein Bündnis werde mit rund 110 Sitzen im neuen Parlament die Oppositionsrolle übernehmen. Das war keineswegs selbstverständlich: Noch eine Woche vor der Wahl hatte der serbische Investigativjournalist Milorad Ivanović in Wien gewarnt, das Regierungslager werde “keine Niederlage eingestehen”. Die Studentenliste reagierte auf X mit drei Worten: “Serbien ist frei.”
Rekordbeteiligung, lange Schlangen
Die Wahlbeteiligung lag laut CRTA bereits um 19 Uhr bei 67,6 Prozent, so hoch wie noch nie seit dem Zerfall Jugoslawiens. Besonders groß war der Andrang in der Diaspora, auch vor dem serbischen Konsulat in Wien bildete sich eine lange Warteschlange. In Zürich wartete eine Wählerin laut “Tages-Anzeiger” siebeneinhalb Stunden auf ihre Stimmabgabe. Um Manipulationen zu verhindern, war die Studentenliste in praktisch allen Wahllokalen mit eigenen Vertrauensleuten vertreten. Trotzdem berichtete CRTA von zahlreichen Hinweisen auf Stimmenkauf und Einschüchterung, in 48 Prozent der Wahllokale seien Stimmzettel fotografiert worden.
Ein Kardiologe an der Spitze
Was nun folgt, ist ungewöhnlich. Auf der Studentenliste stehen kaum Studenten. Die Bewegung hat keine Führungsgremien und entscheidet in basisdemokratischen Versammlungen, kandidiert haben vor allem Universitätslehrer, Ärzte und Künstler. Angeführt wird die Liste vom Kardiologen Ilija Srdanović aus Novi Sad, jener Stadt, in der im November 2024 der Einsturz eines Bahnhofsvordachs 16 Menschen das Leben kostete. Das Unglück löste fast zwei Jahre Proteste gegen Korruption aus. Das Wahlprogramm umfasst elf Punkte, im Kern die Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie und die Verfolgung von Korruption.
Gratulation aus Budapest
Zu den ersten Gratulanten gehörte laut ORF Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar, der den Sieg mit seinem eigenen Wahlerfolg gegen den langjährigen Regierungschef Viktor Orbán im Frühjahr verglich. Auch Montenegros Premier Milojko Spajić gratulierte. Für die EU ist der Machtwechsel eine Chance: Serbien verhandelt seit 2014 über einen Beitritt, Fortschritte gab es zuletzt keine, laut Beobachtern auch wegen des Demokratieabbaus unter Vučić. Wie schnell die neue Mehrheit eine Regierung bildet und wie sich Vučić in der Opposition verhält, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
Credits: Bild von KI erzeugt
Neueste Kommentare