„Verlorenes Jahrzehnt.“ „Stagflation.“ „Illusion des Wohlstands.“ Das sind keine Kampfbegriffe der heimischen Opposition. Das schreibt das Ausland über uns. Und zwar seit Jahren, immer lauter, immer öfter.
Deutschland dreht den Spieß um – ausgerechnet
Erinnert sich noch wer, wie Deutschland selbst jahrelang als „kranker Mann Europas“ verspottet wurde? Die „Welt“ hat den Titel schon 2024 einfach weitergereicht – an uns. „Der wahre kranke Mann Europas“, stand da, garniert mit dem Befund eines „herben ökonomischen Abstiegs“. Hohe Inflation, steigende Lohnkosten, die Abhängigkeit von der lahmenden deutschen Wirtschaft. Die Nationalbank musste ihre Prognose damals schon auf minus 0,7 Prozent zusammenstreichen. Und Deutschland, der eigentliche Krankheitsfall der letzten Dekade, zeigt mit dem Finger auf uns. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Handelsblatt: „Verlorenes Jahrzehnt“
2025 legt das „Handelsblatt“ nach, und zwar unangenehm konkret: In keinem europäischen Land sei die Wirtschaft zuletzt stärker geschrumpft als bei uns. Dritte Rezession in Folge, die längste Schrumpfungsphase seit dem Zweiten Weltkrieg. WIFO-Chef Felbermayr bestätigt es höchstpersönlich: Nirgendwo in EU oder OECD gehe es ähnlich stark bergab. Ein Ökonom, den das Blatt zitiert, meint sogar sinngemäß: Man könnte fast neidisch auf Deutschlands Zahlen sein. Wenn ein anderer Land uns beneidet, obwohl es selbst als Krisenkandidat gilt – dann ist das kein gutes Zeichen. Das ist ein Alarm.
Sogar der Osten schaut mit Kopfschütteln zu
Das eigentlich Bittere kommt aber von woanders. Von Ländern, die früher zu uns aufschauten. Prag fragt in den „Hospodářské noviny“ öffentlich, ob wir uns „wie ein sturer Bub“ aufführen, und verpasst uns den Stempel „Illusion der Prosperität“. Wenig später: Österreich „krieche“ aus der Rezession, während weiter Jobs verschwinden – und wieder der Vergleich zum kranken Mann. Die Slowaken legen mit „Granate im Herzen der EU“ nach. Wenn selbst Bratislava und Prag über uns die Nase rümpfen, war früher offenbar mehr Lametta.
Frankreich: Stagflation, bitteschön
„Le Monde“ bringt es 2025 auf den Punkt: Österreich stecke in der Stagflation fest. Wirtschaft lahmt, Preise bleiben oben, der Staat hat wegen der Budgetlöcher kaum noch Spielraum zum Gegensteuern. Man merkt: 2023 ging’s noch ums russische Gas. 2024 um die Rezession. 2025 auf einmal um Stagflation, strukturelle Krise, verlorener Wohlstand. Die Diagnose wird von Jahr zu Jahr ernster, nicht besser.
Bloomberg: Wien verblasst
Und dann dieser eine Satz bei „Bloomberg“, der eigentlich in einem Text über österreichische Diplomatie stehen sollte: Wiens „economic and political relevance has faded“. Bedeutung verblasst. Nicht mal ein Vorwurf, eher eine nüchterne Feststellung – und genau das macht es so unangenehm. Wenn internationale Wirtschaftsmedien beiläufig notieren, dass man an Gewicht verliert, ist das schlimmer, als wenn sie einen anschreien.
Selbst über den großen Teich hat man’s mitbekommen
„Axios“ in den USA greift eine OECD-Prognose auf, die uns 2025 als einziges Land unter allen Industriestaaten mit Schrumpfung sah. Am Ende kam’s zwar nicht ganz so schlimm, aber das Signal war gesetzt: Österreich, der Ausreißer nach unten. Und in Singapur bringen Analysten von Eurointelligence unsere Lage in einem Satz auf den Punkt, den man sich einrahmen könnte: „Germany is sneezing, and Austria is catching the cold.“ Deutschland niest, wir liegen mit Fieber im Bett.
Und dann kommen die, die es amtlich machen
Ausländische Schlagzeilen sind das eine. Aber wenn OECD, EU-Kommission und Ratingagenturen dieselbe Melodie spielen, wird’s ernst. Die OECD stellt fest: Seit 2023 haben wir uns vom Rest der EU abgekoppelt, minus 2,8 Prozent BIP zwischen Ende 2022 und dem Tiefpunkt 2024. Die EU-Kommission rechnet vor: Wir haben „Boden verloren“ – während Europa 2023/24 um 1,5 Prozent wuchs, sind wir um 1,4 Prozent geschrumpft. Und im Juni verlieren wir dann auch noch das letzte AAA-Toprating. „Bloomberg“ nennt es das Ende einer Ära. Sogar die Nachrichtenagentur der Emirate berichtet drüber. Wenn Abu Dhabi über unseren Bonitätsverlust schreibt, sollte in Wien eigentlich die Alarmglocke läuten.
Und jetzt? Aktuell, druckfrisch, noch schlimmer
Die neuesten Eurostat-Zahlen setzen dem Ganzen die Krone auf: Die EU wächst im zweiten Quartal um 0,7 Prozent. Wir schrumpfen um 0,1 Prozent. Als einziges Land der gesamten Union. Nicht „einer der Schwächeren“. Das Einzige im Minus.
Was bleibt
Österreich ist nach wie vor ein reiches Land, keine Frage. Aber der Ruf, den man sich über Jahrzehnte als solider, verlässlicher Musterschüler erarbeitet hat, bröckelt gerade international vor aller Augen. „Kranker Mann Europas“, „verlorenes Jahrzehnt“, „Illusion des Wohlstands“, „Stagflation“ – das sind keine vereinzelten Ausrutscher mehr, das ist inzwischen ein Muster, das sich durch Medien auf drei Kontinenten zieht. Und das Unangenehmste daran: Eine überzeugende Antwort der Verantwortlichen darauf, wie wir da wieder rauskommen, hat bisher noch niemand gehört.
Credits: BKA, Christopher Dunker
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