EU-Umfrage zeigt tiefe Vertrauenskrise unter den Bürgern

EU-Umfrage zeigt tiefe Vertrauenskrise unter den Bürgern

Fast 70 Prozent der Befragten bewerten die Entwicklung der EU negativ. Besonders groß ist der Frust in Frankreich, Deutschland und Italien – während sich gleichzeitig eine deutliche Sehnsucht nach einem selbstbewussteren Europa zeigt.

Der Zoll-Deal als Symbol der Enttäuschung

Als sinnbildlicher Auslöser vieler Frustgefühle gilt der umstrittene Zoll-Deal, den EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen im Juli 2025 im Clubhaus von Donald Trumps schottischem Golfplatz in Turnberry aushandelte. Europäische Zölle auf nahezu alle US-Waren sollten dabei auf null sinken, während die USA im Gegenzug einen Zollsatz von 15 Prozent auf europäische Produkte erhoben. Für viele Europäer wurde dieser Handschlag zum Symbol eines Kontinents, der sich gegenüber Washington zu wenig durchsetzt. „Ich habe mich furchtbar geschämt“, zitiert die Studie einen jungen Mann, der die Einigung als persönliche Peinlichkeit empfand – wie „Die Welt“ berichtet, sprach er von einer aus seiner Sicht viel zu harten Kapitulation Europas.

70 Prozent sehen „Verfall oder Verlust der Normalität“

Grundlage der Erkenntnisse ist eine gemeinsame Untersuchung des European Council on Foreign Relations (ECFR) und der European Cultural Foundation (ECF), für die knapp 6.000 Menschen in Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, den Niederlanden und Großbritannien befragt wurden. Fast 70 Prozent der Teilnehmer bewerten die Entwicklung der EU negativ und sprechen von einem „allgemeinen Verfall oder Verlust der Normalität“. Besonders skeptisch äußern sich die Befragten in Frankreich, Deutschland und Italien. Nur zwölf Prozent erkennen dagegen ein „europäisches Erwachen“ – also eine Aufbruchstimmung auf dem Kontinent.

„Die EU diskutiert viel, tut aber nichts“

Das eigentliche Problem scheint dabei weniger der fehlende Wunsch nach einem starken Europa zu sein, sondern der schwindende Glaube daran, dass ein solches Europa überhaupt noch erreichbar ist. „Die EU diskutiert viel, aber tut nichts“, wird ein junger Pole in der Untersuchung zitiert. Studienautor Pawel Zerka spricht in diesem Zusammenhang von einer „Vorstellungslücke“: Viele Menschen wünschten sich ein stärkeres Europa, glaubten aber nicht mehr daran, dass dieses Ziel tatsächlich erreicht werden könne. Bemerkenswert dabei: Weniger als 13 Prozent der Befragten gehen so weit, die EU komplett abschaffen zu wollen. Als größte Herausforderungen nennen die Teilnehmer vor allem den Krieg in der Ukraine und die Bedrohung durch Russland – in Polen und Großbritannien sieht das fast die Hälfte der Befragten so. An zweiter Stelle folgen wirtschaftliche Sorgen: In Italien fürchten mehr als 40 Prozent der Befragten einen Verlust ihres Wohlstands, in Polen sind es 23 Prozent. Trotz aller Kritik bleibt aber auch Zuspruch für die europäische Idee bestehen: Ein deutscher Befragter bringt es auf den Punkt, Europa sei zwar nicht perfekt, aber keine andere Region der Welt sei „sicherer, freier und demokratischer“.

Von der Leyen kaum als Vorbild genannt

Noch ernüchternder fällt der Blick auf die politische Führung aus: Fast die Hälfte der Befragten kann überhaupt keine Persönlichkeit nennen, die für positives europäisches Handeln steht. Ausgerechnet Ursula von der Leyen, das wohl bekannteste Gesicht der EU, wird dabei kaum erwähnt. Nur vier Prozent nennen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron als positives Beispiel. Überraschend weit vorne liegt dagegen Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez, den acht Prozent der Befragten als Vorbild anführen – obwohl Spanien selbst gar nicht Teil der Untersuchung war. Besonders groß ist die Zustimmung zu Sánchez in Italien, wo laut Studie jeder vierte Befragte auf ihn verweist, in Frankreich ist es immerhin jeder Zehnte. Auch in Deutschland findet der spanische Regierungschef Anhänger: Eine ältere Grünen-Wählerin lobt seinen Umgang mit den USA ausdrücklich als „großartig“. Unumstritten ist Sánchez dabei keineswegs – kritisiert werden unter anderem seine Verteidigungspolitik sowie aus Sicht mancher Befragter eine zu lockere Migrationspolitik.

Der Wunsch nach mehr Selbstbewusstsein

Was hinter der Sánchez-Begeisterung steckt, scheint klar: Viele Befragte wünschen sich, dass Brüssel gegenüber anderen Regierungen entschlossener auftritt, wobei der Zoll-Deal von Turnberry sinnbildlich für die verbreitete Enttäuschung steht. Eine französische Macron-Wählerin formuliert ihre Forderung besonders drastisch: Europa dürfe sich nicht länger „von einem Verrückten an der Nase herumführen lassen“. Das Ergebnis der Studie liest sich damit weniger als grundsätzliche Absage an Europa, sondern vielmehr als Warnsignal an dessen politische Führung: Die Sehnsucht nach einem starken Europa ist vorhanden – das Vertrauen, dass Brüssel dieses Versprechen tatsächlich einlösen kann, schwindet jedoch zunehmend.

Credits: European Union , 2026

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