Das sogenannte Worst-Case-Szenario der Klimaforschung — bekannt als RCP8.5 — gilt in der Wissenschaft seit Jahren als unrealistisch. Trotzdem wurde es lange als Standardreferenz verwendet. Jetzt reagiert die Forschungsgemeinschaft offiziell.
Was RCP8.5 ist — und warum es wichtig war
RCP8.5 ist ein vom Weltklimarat IPCC entwickeltes Emissionsszenario, das von einem dramatischen Anstieg der CO2-Emissionen bis 2100 ausgeht — verbunden mit einer globalen Erwärmung von bis zu 4,8 Grad. Wie Wikipedia erklärt, wurde es als „Business-as-usual“-Szenario entwickelt: Was passiert, wenn keine nennenswerten Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden? Jahrelang bildete es die Grundlage für tausende wissenschaftliche Studien und politische Entscheidungen.
Das Problem dabei: Wie clintel.org unter Berufung auf eine aktuelle Analyse des Klimaforschers Roger Pielke Jr. berichtet, gilt das Szenario in der aktuellen Klimaforschung längst als unrealistisch — weil es einen Kohleverbrauch bis 2100 annimmt, der weit über den tatsächlich verfügbaren Reserven liegt. Die Energiewende und der strukturelle Rückgang der Kohle wurden bei seiner Erstellung 2005 nicht eingerechnet.
Was die neue Forschungsarchitektur zeigt
Mit dem neuen CMIP7-Rahmenwerk — dem aktuellsten Klimamodellierungsprojekt der Wissenschaftsgemeinschaft — wurde SSP5-8.5, der direkte Nachfolger von RCP8.5, aus dem Standardsatz der Szenarien gestrichen, wie clintel.org berichtet. Das ist eine bemerkenswerte Kurskorrektur: Jahrzehntelang dominierte dieses Extremszenario die Forschungslandschaft — Pielke und sein Kollege Justin Ritchie zählten 2020 rund 17.000 wissenschaftliche Arbeiten, die darauf aufbauten. Bis 2024 wuchs diese Zahl auf 44.000.
Was das bedeutet — und was nicht
An dieser Stelle ist Präzision wichtig. Die Abkehr von RCP8.5 bedeutet nicht, dass der Klimawandel harmlos ist. Wie das Science Media Center festhält, steuert die Welt bei aktueller Politik auf eine Erwärmung von rund drei Grad zu — deutlich weniger als die 4,8 Grad des Worst-Case, aber weit über den 1,5 Grad des Pariser Abkommens. Selbst bei drei Grad drohen massive Folgen für Ökosysteme, Küstenregionen und Landwirtschaft.
Die eigentliche wissenschaftliche Debatte dreht sich also nicht darum, ob der Klimawandel real und gefährlich ist — das ist unter Forschern unbestritten. Sie dreht sich darum, ob das extremste Szenario als Standardfall kommuniziert werden sollte, oder ob realistische mittlere Szenarien die Grundlage für Klimapolitik und öffentliche Kommunikation bilden sollten. Das ist eine legitime methodische Frage — und die Wissenschaft beantwortet sie gerade mit einer Korrektur.
Credits: APA
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