Ein Wort, ein Aufschrei. Van der Bellen spricht in New York von israelischen Kriegsverbrechen. Vilimsky schießt auf X zurück: „Nun der nächste Hamas-Versteher! Schande über ihn!“ Bevor man da mitnickt, lohnt sich ein Blick auf das, was der Bundespräsident tatsächlich gesagt hat.
Was Van der Bellen wirklich sagte
Nicht viel, aber Konkretes. Er warf Israel „Verletzungen des Völkerrechts“ und „Kriegsverbrechen“ vor – bezogen auf „erzwungene Absiedlungen von im Westjordanland ansässigen Palästinensern“. Und er stellte klar: Das Existenzrecht Israels stellt er in keiner Weise infrage. Genau diese Präzisierung geht im FPÖ-Vorwurf komplett unter. Keine pauschale Verurteilung. Eine konkrete Praxis, konkret benannt.
Was Menschenrechtsorganisationen dazu dokumentieren
Und genau zu dieser Praxis liegt ziemlich erdrückendes Material vor. Human Rights Watch dokumentierte im August 2026, dass seit Januar 2023 durch Siedlerangriffe und Zwangsräumungen bereits über 100 palästinensische Gemeinden ganz oder teilweise vertrieben wurden – im Schnitt mehrere von der UN erfasste Siedlerangriffe pro Tag. Bewaffnete Siedler, oft mit stillschweigender Duldung israelischer Sicherheitskräfte. Amnesty International kam im Juni 2026 in einem eigenen Bericht zu dem Schluss, die aktuelle israelische Regierung setze im Westjordanland eine gezielte Politik der Vertreibung um. Laut UN-Daten wurden allein zwischen 2023 und 2025 im Westjordanland weit über tausend Palästinenser getötet, ein erheblicher Teil davon Kinder – mehr als in den 17 Jahren davor zusammen, wie eine Auswertung von Oxfam zeigt.
Gaza: Zahlen, über die man ehrlich reden muss
Wer über Kriegsverbrechen im Kontext Israels spricht, kommt an Gaza nicht vorbei. Das palästinensische Gesundheitsministerium – zu betonen: von der Hamas kontrolliert und daher mit einem offensichtlichen Interessenkonflikt behaftet – spricht von deutlich über 60.000 Toten seit dem 7. Oktober 2023. Die UN übernimmt diese Zahl mangels eigener Erhebung vor Ort, weist aber selbst ausdrücklich darauf hin: unabhängig überprüfbar ist sie nicht. Was sich dagegen unabhängig bestätigen lässt: Das UN-Menschenrechtsbüro bezifferte den Anteil von Frauen und Kindern unter den verifizierten Todesopfern auf rund 70 Prozent, am stärksten betroffen die Altersgruppe fünf bis neun Jahre. Selbst nach dem Waffenstillstand vom Oktober 2025 wurden laut Amnesty International bis Jahresende weitere hunderte Palästinenser getötet, darunter laut UNICEF mindestens 100 Kinder.
Was das für die „Hamas-Versteher“-Nummer bedeutet
Diese Zahlen stammen nicht aus Gaza-Propaganda. UN-Institutionen, Amnesty, Human Rights Watch – keine dieser Organisationen gilt gemeinhin als israelfeindlich oder unseriös. Wer angesichts dieser Faktenlage jeden, der von Kriegsverbrechen spricht, reflexartig als Hamas-Versteher abstempelt, verwechselt etwas Grundlegendes: Kritik an dokumentierten Handlungen einer Regierung ist nicht dasselbe wie Sympathie für eine Terrororganisation. Van der Bellen hat den Hamas-Terror vom 7. Oktober mit keinem Wort relativiert. Er hat auf eine konkrete, von unabhängigen Beobachtern belegte Praxis hingewiesen.
Und die Gegenseite, fairerweise
Israel begründet sein Vorgehen mit dem Recht auf Selbstverteidigung nach dem Massaker vom 7. Oktober und damit, dass sich die Hamas gezielt in dicht besiedelten zivilen Gebieten verschanze – was hohe zivile Opferzahlen mitverursache. Israelische Vertreter bezweifeln zudem regelmäßig die Genauigkeit der Hamas-Zahlen. Das ist eine legitime Gegenposition. Sie ändert aber nichts an den unabhängig dokumentierten Fakten zum Westjordanland, auf die sich Van der Bellen konkret bezog.
Was am Ende bleibt
Eine differenzierte Aussage mit einem Kampfbegriff wie Hamas-Versteher zu beantworten, ersetzt keine Debatte. Es verhindert sie. Wer Kritik an dokumentierten israelischen Praktiken reflexartig mit Terrorsympathie gleichsetzt, macht eine ehrliche Auseinandersetzung mit echten Menschenrechtsverletzungen von vornherein unmöglich.
Credits: Peter Lechner/HBF
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