Milliardenschwere Förderungen, ambitionierte Klimapläne – und trotzdem droht am Ende ein wirtschaftliches Fiasko. Eine Anfang August veröffentlichte Studie der Beratungsgesellschaft PwC stellt Deutschlands Strategie für grünen Stahl grundlegend infrage: Die klassische Primärstahlproduktion hat demnach am Standort Deutschland in praktisch keinem denkbaren Zukunftsszenario eine wirtschaftliche Perspektive.
Der Hochofen wird zum Auslaufmodell
Laut der PwC-Studie wird die kohlebasierte Hochofenroute spätestens ab 2040 in keinem der modellierten Szenarien mehr wirtschaftlich zu betreiben sein – und das in keiner Region Europas. Grund dafür ist vor allem die steigende CO₂-Bepreisung durch den europäischen Emissionshandel sowie den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM: Der Preis für konventionell hergestellten Stahl dürfte sich dadurch bis 2045 nahezu verdoppeln, wie PwC in der Studie selbst darlegt.
Auch „grüner“ Stahl löst das Problem nicht
Der eigentlich ernüchternde Befund betrifft aber nicht nur die alte Hochofentechnik, sondern auch die als Alternative gepriesene wasserstoffbasierte Direktreduktion. Auch diese benötigt enorme Mengen günstiger Energie – und genau die ist in Deutschland im internationalen Vergleich teuer. Konkret rechnet PwC vor: Bereits 2030 dürfte erdgasbasierte Direktreduktion in den Golfstaaten rund 30 Prozent günstiger sein als die Hochofenroute in Mitteleuropa, wasserstoffbasierter Stahl aus Indien könnte europäischen Hochofenstahl sogar um 15 Prozent unterbieten. Einzig Skandinavien erreicht laut der Studie unter optimistischen Annahmen konkurrenzfähige Kosten für Primärstahl in Europa – dank vergleichsweise günstiger erneuerbarer Energie.
5,9 Milliarden Euro Fördergeld auf dem Prüfstand
Besonders brisant macht die Studie ein Blick auf die bereits zugesagten deutschen Fördersummen. Bund und Länder haben für den Umbau auf wasserstoffbasierte Stahlproduktion rund 5,9 Milliarden Euro zugesagt, wie das Portal „ad-hoc-news“ aus der Studie zitiert: zwei Milliarden Euro für Thyssenkrupp, 2,6 Milliarden Euro für die Stahl-Holding Saar sowie 1,322 Milliarden Euro für Salzgitter. Ein PwC-Partner wird in der Berichterstattung mit der Einschätzung zitiert, der Transformationsbedarf der Branche sei tiefergehend als bislang angenommen – die Industrie müsse ihre Daseinsberechtigung am Standort Deutschland regelrecht neu erkämpfen.
ArcelorMittal als warnendes Beispiel
Dass die düstere Prognose längst keine graue Theorie mehr ist, zeigt der Fall ArcelorMittal. Der Weltkonzern gab bereits im Juni 2025 seine Pläne für neue Direktreduktions- und Elektrolichtbogenanlagen an den deutschen Standorten Bremen und Eisenhüttenstadt vollständig auf, wie das Fachportal „Industriemagazin“ berichtet. Als Grund nannte das Unternehmen fehlende Planungssicherheit bei Energiepreisen, Absatzmärkten und politischen Rahmenbedingungen. Damit verfiel auch eine bereits zugesagte staatliche Förderung von 1,3 Milliarden Euro für diese Vorhaben. Auch Thyssenkrupp bewegt sich nach eigener Aussage „an der Grenze der Wirtschaftlichkeit“ und hat die Ausschreibung für grünen Wasserstoff für seine Duisburger Direktreduktionsanlage ausgesetzt, wie das Portal „cleanthinking“ berichtet. Insgesamt ist laut PwC bereits rund die Hälfte der angekündigten europäischen Grünstahl-Projekte gestoppt, verkleinert oder verschoben worden – auch der britische Stahlproduzent British Steel kündigte 2025 die endgültige Stilllegung seiner letzten beiden Hochöfen an.
Die Konkurrenz baut bereits auf
Während in Deutschland Projekte auf Eis liegen, entstehen anderswo längst neue Kapazitäten. In der omanischen Sonderwirtschaftszone Duqm errichtet die indische Jindal Group einen Anlagenkomplex mit einer geplanten Jahreskapazität von fünf Millionen Tonnen, zunächst betrieben mit günstigem Erdgas, perspektivisch mit Wasserstoff. Auch der brasilianische Bergbaukonzern Vale baut dort einen sogenannten Megahub für Eisenschwamm. Europäische Stahlkonzerne stellen sich bereits auf diese neue internationale Arbeitsteilung ein: Thyssenkrupp hat sich laut exxpress.at bereits über Abnahmeverträge große Mengen des Vormaterials aus dem Oman gesichert.
Drei mögliche Auswege für Deutschland
Die Studie sieht das Ende der klassischen Primärproduktion allerdings nicht automatisch als das Ende der deutschen Stahlindustrie insgesamt. Als Alternativen nennt PwC den verstärkten Import von bereits reduziertem Eisenschwamm aus Ländern mit günstigeren Energiebedingungen, eine stärkere Konzentration auf Sekundärstahl aus recyceltem Schrott sowie die Spezialisierung auf hochwertige, komplexe Stahlprodukte etwa für Maschinenbau oder Medizintechnik – Bereiche, in denen der reine Energiepreis eine geringere Rolle spielt. Für Deutschland empfehlen die Studienautoren dabei eine strategische Neuausrichtung auf wissensintensive Produkte mit hoher Fertigungstiefe, wie das Portal „marketSTEEL“ berichtet. Als geeignete Industriecluster nennt PwC unter anderem die Region Rhein-Ruhr, die Küstenregion sowie das Dreieck Hannover–Braunschweig–Wolfsburg.
Eine Branche im Umbruch
Deutschland produzierte 2025 nur noch 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl – rund neun Prozent weniger als im Vorjahr, wie „Industriemagazin“ berichtet. Die entscheidende Frage laute künftig weniger, ob Deutschland überhaupt noch Stahl produziert, sondern welchen Stahl und unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen. Für die Politik wäre ein solcher Kurswechsel weitreichend: Wenn die Standortbedingungen für energieintensive Primärproduktion dauerhaft schlechter bleiben als bei der internationalen Konkurrenz, können auch Milliarden an staatlichen Subventionen diese strukturelle Realität nur begrenzt überdecken.
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