Staatsagentur RIA Novosti löscht Text über „Spezialoperation“ gegen Litauen

Staatsagentur RIA Novosti löscht Text über „Spezialoperation“ gegen Litauen

Ein Gastbeitrag auf der Website der russischen Staatsagentur RIA Novosti hat am Freitag in Litauen und im Westen für Aufsehen gesorgt. Darin wurde offen über einen militärischen Schlag gegen das NATO-Land spekuliert – bis hin zu Raketen mit Atomsprengköpfen. Wenige Stunden später war der Text wieder verschwunden.

„Sie wird sehr kurz sein“

Der Beitrag trug laut oe24 sinngemäß den Titel „Russland erwartet eine weitere Spezialoperation. Sie wird sehr kurz sein.“ „Spezialoperation“ ist die offizielle russische Bezeichnung für den Krieg gegen die Ukraine. Verfasst hatte ihn Alexander Nosowitsch, Chefredakteur des prorussischen Portals RuBaltic.Ru, als freier Autor. Wie das russischsprachige Exilmedium Meduza und die „Ukrainska Pravda“ berichten, bezeichnete Nosowitsch Litauen darin als „selbstmörderisches Land ohne jeden Verstand“ und spielte militärische Szenarien bis hin zu einem Atomschlag durch. Laut Radio Liberty nannte er Raketenangriffe auf litauisches Gebiet als eine Option – „nur Raketen mit entsprechender Ladung“. Das polnische Portal Interia, das nach eigenen Angaben die ursprüngliche Fassung einsehen konnte, berichtet, dass der Text auch mehrfach auf Polen einging.

RIA distanziert sich

Nach wenigen Stunden war der Beitrag gelöscht. RIA Novosti begründete das laut Meduza damit, dass er „nicht der Meinung der Redaktion, ihrer redaktionellen Linie und der staatlichen Politik der Russischen Föderation“ entspreche. Eine Kopie ist in einem Webarchiv erhalten geblieben. Auch der Kreml weist laut oe24 Angriffspläne gegen Litauen zurück. Wie unabhängig der Autor tatsächlich ist, wird unterschiedlich bewertet: Laut dem ukrainischen Portal Babel wird Nosowitsch in journalistischen Recherchen einem Einflussnetzwerk zugerechnet, das von Mitarbeitern des russischen Auslandsgeheimdienstes und der Präsidialverwaltung koordiniert werde. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht.

Der Auslöser: Litauens Verfassungsdebatte

Hintergrund des Textes ist eine Entscheidung des litauischen Parlaments. Der Seimas stimmte am 22. September mit 99 zu 13 Stimmen bei fünf Enthaltungen dafür, ein Verfahren zur Änderung von Artikel 137 der Verfassung einzuleiten. Dieser verbietet bislang die Stationierung von Massenvernichtungswaffen und ausländischen Militärbasen auf litauischem Boden. Beschlossen ist damit noch nichts: Die Änderung muss zweimal mit der nötigen Mehrheit bestätigt werden, ein weiterer Beschluss ist für Oktober vorgesehen, die Schlussabstimmung für Jänner 2027. Litauen begründet den Schritt mit der veränderten Sicherheitslage, Moskau hat bereits gewarnt, das Land könnte im Fall einer Stationierung zum Ziel russischer Atomwaffen werden.

Provokation, kein Angriffsplan

In Litauen wurde der Text laut oe24 von Militärs und Experten als Provokation eingeordnet – konkrete Angriffspläne ließen sich aus einem einzelnen Gastbeitrag nicht ableiten. Die Nervosität in der Region ist dennoch hoch. Litauen grenzt an die russische Exklave Kaliningrad und an Belarus, erst Mitte September schossen NATO-Kampfjets eine aus Belarus kommende Drohne über litauischem Gebiet ab. Ein Angriff auf Litauen könnte den NATO-Bündnisfall auslösen.

Credits: Kremlin.ru, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=123219163

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest

0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x