Drogencocktail im Fluss: Was passiert, wenn Lachse auf Kokain sind?

Drogencocktail im Fluss: Was passiert, wenn Lachse auf Kokain sind?

Ein internationales Forschungsteam hat sich einer unbequemen Frage gewidmet: Wie wirken sich Kokainspuren im Wasser auf Wildtiere aus? Wie ORF Wissen berichtete, fand das Experiment im Vättersee in Schweden statt, einem der größten Seen des Landes. 105 Junglachse wurden mit winzigen Implantaten versehen, die über acht Wochen kontinuierlich Substanzen freisetzten. Ein Drittel der Fische erhielt Kokain, ein weiteres Drittel das Kokain-Abbauprodukt Benzoylecgonin, der Rest blieb unbelastet. Akustische Sender verfolgten die Bewegungen der Tiere in Echtzeit.

Umweltwissenschaftlerin Erin McCallum von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften erklärt gegenüber ORF Wissen das Besondere an dem Ansatz: „Die Fische konnten tun, was sie wollten“ – echtes Freilandexperiment statt steriles Labor.

Verblüffendes Ergebnis: Das Abbauprodukt ist das Problem

Die Resultate, die das Forschungsteam im Fachjournal Current Biology veröffentlichte, waren eindeutig. Laut ORF Wissen schwammen die belasteten Fische deutlich mehr als die Kontrollgruppe – von mehr Sensoren erfasst, weiter von der Aussetzstelle entfernt. Doch der stärkste Effekt kam nicht vom Kokain selbst, sondern von dessen Abbauprodukt: Die mit Benzoylecgonin belasteten Lachse schwammen pro Woche fast doppelt so weit wie unbelastete Tiere.

Verhaltensökologe Aneesh Bose, ebenfalls von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften, betont gegenüber ORF Wissen die Tragweite: „Normalerweise konzentriert man sich bei solchen Untersuchungen nur auf die ursprüngliche Substanz – in diesem Fall Kokain. Aber unsere Studie zeigt: Bei der Verschmutzung spielt nicht nur Kokain selbst eine Rolle, sondern eben auch die damit verbundenen Abbauprodukte.“ Und genau dieses Abbauprodukt gelangt besonders häufig über Kläranlagen in Gewässer.

Folgen für ganze Ökosysteme

Warum ist das relevant? Weil die Bewegungsmuster von Fischen entscheidend sind für das gesamte Ökosystem. Wo ein Fisch schwimmt, bestimmt, was er frisst – und wer ihn frisst. Wie ORF Wissen berichtete, warnt Bose: „Wenn Drogen im Wasser diese Muster verändern, hat das das Potenzial, Ökosysteme auf eine Weise zu beeinflussen, die wir erst beginnen zu verstehen.“

Die langfristigen Konsequenzen für die Lachse selbst wollen die Forscher in künftigen Studien klären. Für besonders wanderfreudige Tierarten wie Lachse sei der großräumige Freilandansatz des Experiments dabei unverzichtbar – im Labor schlicht nicht nachzuahmen.

Globales Problem, lokale Lösung?

Drogenrückstände im Wasser sind kein schwedisches Sonderproblem. Wie McCallum gegenüber ORF Wissen betonte, wurden pharmazeutische Rückstände bereits in Gewässern auf allen Kontinenten nachgewiesen – sogar in der Antarktis. Wo welche Substanzen dominieren, hänge vom lokalen Konsum und der Qualität der Kläranlagen ab.

Die konventionellen Kläranlagen sind laut McCallum für die Entfernung solcher Substanzen schlicht nicht ausgelegt. Fortgeschrittene Methoden wie Ozonbehandlung seien in Europa bereits auf dem Vormarsch und könnten helfen. Langfristig wäre es zudem wichtig, Arzneimittel so zu entwickeln, dass sie sich in der Natur schneller abbauen.

Kein Risiko für Fischesser

Eine Entwarnung gibt es immerhin für alle, die gerne Fisch essen: Wie ORF Wissen berichtete, erklärte Bose, die Drogenkonzentrationen im Experiment seien zwar vergleichbar mit stark belasteten Gewässern – aber für den Menschen immer noch viel zu niedrig, um eine Wirkung zu haben. McCallum ergänzte, man müsste „schon wirklich eine enorme Menge an stark belastetem Fisch auf einmal essen, um auch nur ansatzweise eine Wirkung zu spüren.“

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