Ein Kommentar von Rafael Haslauer
Es ist ein bemerkenswertes Phänomen der österreichischen Medienlandschaft: Wenn Herbert Kickl mit einem Parteilied die Charts stürmt, bricht ein publizistischer Sturm der Entrüstung los. Wenn Andreas Babler mit einem Parteisender grandios scheitert, herrscht – von wenigen Ausnahmen abgesehen – betretenes Schweigen. Die Frage ist nicht, ob beide Projekte problematisch sind. Das sind sie zweifellos. Die Frage ist, warum nur eines davon die journalistische Empörungsmaschinerie auf Hochtouren bringt.
Die asymmetrische Aufregung
Die Recherche ist eindeutig: Praktisch alle großen österreichischen Medien – von ORF über Standard bis zur Presse – widmeten dem FPÖ-Song „Immer vorwärts FPÖ“ ausführliche, überwiegend kritische Berichterstattung. Kontrast sprach von „gekauften Charts“, Horizont diagnostizierte ein „FPÖ-Mediensystem“ als eigentliches Problem. Selbst die Ausstrahlung auf Ö3 wurde zum Politikum hochstilisiert, komplett mit wissenschaftlicher Einordnung durch Peter Filzmaier – als müsste man der Republik erklären, warum Parteien Musik für Wahlkampfzwecke nutzen.
Über „SPÖ1 TV“ hingegen, den mit Mitgliedsbeiträgen und möglicherweise Steuergeld finanzierten Partei-Propagandasender von Vizekanzler Babler, herrschte bei den vermeintlichen Qualitätsmedien weitgehend Funkstille. Der Standard beschränkte sich auf zwei knappe Meldungen: eine zur Ankündigung im September, eine weitere zum Start im Oktober – neutral, ohne kritische Einordnung, ohne Analyse. Die Presse? Kein Artikel auffindbar. Der ORF? Schweigen. Ausführlich berichteten vornehmlich Boulevard-Portale wie oe24 und Heute sowie – bezeichnenderweise – FPÖ-nahe Medien wie Exxpress.
Und über Bablers neuestes Format „Kein BlaBla mit Babler“? Exakt ein einziger Medienbericht – ausgerechnet im oft geschmähten Exxpress.
Das unangenehme Muster
Man muss kein FPÖ-Sympathisant sein, um dieses Muster problematisch zu finden. Tatsächlich sollte man als Demokrat beide Entwicklungen kritisch sehen: Parteieigene Medienkanäle, die journalistische Unabhängigkeit durch parteiliche Propaganda ersetzen, sind grundsätzlich keine erfreuliche Entwicklung. Sie schaffen geschlossene Informationsräume, in denen kritische Nachfragen nicht mehr stattfinden und die Realität durch die ideologische Brille der jeweiligen Partei gefiltert wird.
Aber – und hier wird es interessant – wenn schon Kritik an diesem Phänomen, dann bitte gleichberechtigt. Die vermeintlichen Qualitätsmedien entrüsten sich über einen FPÖ-Song, der durch Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft in die Charts kam. Dass dies eine Schwachstelle des Chart-Systems ausnutzt, mag stimmen. Dass es keine „organische“ musikalische Leistung darstellt, ebenfalls. Aber ist das wirklich skandalwürdiger als ein Vizekanzler und Medienminister, der mit großem Getöse einen Parteisender ankündigt, der dann mit 74 Zuschauern bei der Premiere und wenigen tausend Abonnenten vor sich hindümpelt – während gleichzeitig traditionelle Medienhäuser wie Der Standard und Die Presse Dutzende Mitarbeiter entlassen müssen?
Die unbequeme Wahrheit über Medienkompetenz
Hier offenbart sich eine unbequeme Wahrheit: Die FPÖ versteht Medien. Die SPÖ nicht. Das ist keine politische Wertung, sondern eine nüchterne Feststellung. FPÖ TV hat über 240.000 Abonnenten, „Austria First“ generiert messbare Reichweite, und der Kickl-Song schaffte es tatsächlich auf Platz 20 der offiziellen Ö3-Charts – ob einem das gefällt oder nicht. SPÖ1 TV dümpelt bei mickrigen knapp 4.000 Abonnenten herum, die Videos erreichen oft nur hunderte Aufrufe, und „Kein BlaBla mit Babler“ verschwindet in der digitalen Bedeutungslosigkeit.
Die FPÖ hat verstanden, wie man in der fragmentierten Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts Reichweite erzielt: durch emotionale Ansprache, klare Botschaften, konsequente Mobilisierung und die Schaffung eines eigenen Medienökosystems. Die SPÖ hingegen produziert das, was Babler selbst als „zeitgemäße Kommunikation“ verkauft – und was in Wahrheit wie der hilflose Versuch eines traditionellen Parteiapparats wirkt, irgendwie auch „digital“ zu sein.
Die eigentliche Doppelmoral
Doch zurück zur journalistischen Doppelmoral. Wenn ein Parteisender der FPÖ ein Problem darstellt – und das tut er –, dann ist ein Parteisender der SPÖ es erst recht. Wenn ein Parteilied in den Charts eine Manipulation darstellt, dann ist ein von einem amtierenden Vizekanzler und Medienminister betriebener Propagandasender eine demokratiepolitische Grenzüberschreitung. Wenn die FPÖ für ihr „geschlossenes Mediensystem“ kritisiert wird, dann sollte man auch über Bablers Pläne sprechen, der laut eigener Aussage „keine Ahnung“ hat, was sein Sender kostet, aber „überschaubare Summen“ versichert.
Die österreichischen Qualitätsmedien haben eine Aufgabe: Macht zu kontrollieren, egal welche Farbe sie trägt. Kritischer Journalismus bedeutet nicht, selektiv jene zu skandalisieren, die einem politisch nicht genehm sind, während man bei anderen wegschaut. Es bedeutet, dieselben Standards anzulegen – bei Kickl wie bei Babler, bei der FPÖ wie bei der SPÖ.
Der Standard lieferte zum FPÖ-Song ausführliche kritische Analysen – zu SPÖ1 gab es zwei dürre Agenturmeldungen ohne jede Einordnung. Die Presse und der ORF, die den FPÖ-Song ausgiebig thematisierten, fanden zu Bablers Sender-Flop offenbar kein einziges Wort. Diese Asymmetrie ist nicht mehr mit redaktionellen Prioritäten zu erklären. Sie ist ein Muster.
Das gefährliche Spiel
Die aktuelle Praxis ist nicht nur unfair, sie ist auch gefährlich. Sie bestätigt das Narrativ, das Rechtspopulisten seit Jahren pflegen: dass etablierte Medien mit zweierlei Maß messen, dass sie Teil eines „Systems“ sind, das bestimmte Parteien bevorzugt und andere benachteiligt. Und das Tragische daran ist: In diesem Fall haben sie ein Stück weit recht.
Ja, der FPÖ-Song ist eine durchsichtige PR-Aktion. Ja, das FPÖ-Mediensystem ist problematisch. Aber SPÖ1 TV ist es auch. „Kein BlaBla mit Babler“ ist es ebenfalls. Der Unterschied ist nur: Das eine funktioniert, das andere nicht. Das eine wird skandalisiert, das andere totgeschwiegen. Und genau diese Asymmetrie untergräbt die Glaubwürdigkeit jener Medien, die für sich in Anspruch nehmen, „Qualitätsjournalismus“ zu betreiben.
Besonders pikant wird es, wenn man bedenkt: Andreas Babler ist nicht irgendwer. Er ist Medienminister der Republik Österreich. Er ist jener Mann, der über Medienförderung entscheidet, während private Verlage ums Überleben kämpfen. Und während Der Standard 25 Mitarbeiter entlässt und Die Presse massiv Personal abbaut, startet derselbe Medienminister seinen eigenen Partei-TV-Sender – finanziert aus Mitgliedsbeiträgen und möglicherweise öffentlichen Mitteln.
Dass diese demokratiepolitisch brisante Konstellation kaum Beachtung findet, während ein Chart-Erfolg der FPÖ tagelang für Schlagzeilen sorgt, sagt mehr über den Zustand des österreichischen Journalismus aus, als vielen lieb sein dürfte.
Das unbequeme Fazit
Wenn Journalismus seiner Kontrollfunktion gerecht werden will, dann muss er alle gleich behandeln – auch wenn die einen erfolgreicher sind als die anderen. Gerade dann. Die Aufgabe von Qualitätsmedien ist es nicht, erfolglose Regierungsprojekte zu schonen und erfolgreiche Oppositionsprojekte zu skandalisieren. Die Aufgabe ist es, beide gleichermaßen kritisch zu begleiten.
Der FPÖ-Song mag ein billiger Propagandatrick sein. Aber ein Vizekanzler, der als Medienminister einen Partei-Propagandasender hochzieht, während die Medienlandschaft kollabiert, ist keine Fußnote wert? Ein Format namens „Kein BlaBla mit Babler“, das in der digitalen Bedeutungslosigkeit verschwindet, verdient keine Zeile?
Diese selektive Empörung ist nicht nur journalistisch fragwürdig. Sie ist ein Dienst an jenen, die das Vertrauen in etablierte Medien systematisch untergraben wollen. Und sie liefert genau jene Munition, mit der Populisten seit Jahren erfolgreich gegen die „Lügenpresse“ zu Felde ziehen.
Vielleicht sollten sich Österreichs Qualitätsmedien fragen: Wem dient diese Doppelmoral eigentlich? Der Demokratie jedenfalls nicht.
Credits: Screeshots
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