Die SPÖ jubelt über Orbán — und übersieht dabei ihren eigenen Spiegel

Die SPÖ jubelt über Orbán — und übersieht dabei ihren eigenen Spiegel

Budapest hat gewählt, Orbán ist weg, und in der Wiener Löwelstraße dürfte der Sekt geflossen sein. Die SPÖ feiert den Machtwechsel in Ungarn als Sieg der Demokratie über den Autokratismus — und das mit einer Inbrunst, die man sich für die eigene Partei eigentlich auch wünschen würde.

Denn während man in den roten Parteizentralen die Niederlage des ungarischen Ministerpräsidenten bejubelt, lohnt sich ein kurzer Blick auf die eigene Lage. Laut dem aktuellen PolitPro-Wahltrend, der die Erhebungen aller relevanten Institute aggregiert, kommt die SPÖ bundesweit auf gerade einmal 18,5 Prozent. Das ist, um es diplomatisch zu formulieren, kein Ergebnis, das man mit Fanfaren verkündet. Die FPÖ steht bei 36,3 Prozent — also doppelt so stark. Selbst die ÖVP, die zuletzt auch nicht gerade in Hochform glänzte, lässt die Sozialdemokraten mit 19,7 Prozent knapp hinter sich.

Konkret: Würde morgen gewählt, käme die SPÖ laut Lazarsfeld-Gesellschaft, wie PolitPro berichtet, auf 18 bis 19 Prozent — und das in einem Land, das die Partei einst als ihre natürliche Heimat betrachtete. Bruno Kreiskys Erben, einst die dominierende Kraft der Zweiten Republik, dümpeln heute im Mittelfeld zwischen Grünen und Neos.

Autokraten erkennen, sich selbst nicht

Es ist eine bemerkenswerte Fähigkeit, die die SPÖ da unter Beweis stellt: das präzise Diagnostizieren demokratischer Defizite im Ausland bei gleichzeitiger vollständiger Blindheit gegenüber dem eigenen Zustand. Man erkennt in Budapest ein gescheitertes System — und übersieht dabei, dass die eigene Partei von der österreichischen Bevölkerung seit Jahren ebenfalls recht konsequent abgewählt, weggedriftet oder schlicht ignoriert wird.

Orbán hat, das muss man neidlos anerkennen, wenigstens 16 Jahre lang Wahlen gewonnen. Die SPÖ hat die Nationalratswahl 2024 auf Platz drei beendet — hinter FPÖ und ÖVP. Und die Umfragen deuten nicht darauf hin, dass sich daran bis 2029 grundlegend etwas ändern wird.

Der Splitter und der Balken

Man könnte jetzt sagen: Das ist unfair, internationale Politik und heimische Umfragen sind zwei verschiedene Dinge. Stimmt. Aber der Reflex, sich über das Scheitern anderer zu definieren, während die eigene Substanz erodiert, ist eine zutiefst menschliche — und zutiefst rote — Tradition.

Die ungarische Demokratie hat funktioniert. Das Volk hat gewählt, der Unterlegene hat gratuliert. Das ist gut. Aber vielleicht wäre es für die SPÖ produktiver, weniger Energie ins Feiern fremder Wahlsiege zu investieren — und mehr in die Frage, warum sich knapp vier Fünftel der österreichischen Wählerschaft laut aktuellen Umfragen für jemand anderen entscheiden würden.

Budapest kann sich selbst befreien. Wien wartet noch.

Credits: APA

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