Die Compliance-Uhr tickt — und Thurnher muss entscheiden

Die Compliance-Uhr tickt — und Thurnher muss entscheiden

Der Küniglberg kommt nicht zur Ruhe. Im ORF-Skandal rund um den zurückgetretenen Generaldirektor Roland Weißmann ist die Causa jetzt in ihrer entscheidenden Phase angekommen: Die hausinterne Compliance-Stelle hat ihre Anhörungen abgeschlossen — und es liegt nun an ORF-Chefin Ingrid Thurnher, die arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu ziehen. Im Hintergrund tickt die Uhr, denn Weißmann stellt Forderungen in Millionenhöhe.

Was die Compliance-Stelle vorliegen hat

Am 19. März sagte die betroffene 35-jährige ORF-Mitarbeiterin laut oe24.at rund drei Stunden lang vor der Compliance-Stelle aus — in einer Anwaltskanzlei im 12. Wiener Bezirk. Dabei wurden rund 50 Seiten ausgedruckter Chats zwischen ihr und dem 58-jährigen Ex-Generaldirektor vorgelegt, dazu Gesprächsabschriften und Bildmaterial. Wie profil.at berichtet, war dasselbe Material bereits Wochen zuvor dem Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer und seinem Stellvertreter Gregor Schütze präsentiert worden — und hatte letztlich den Stein ins Rollen gebracht, der zu Weißmanns Rücktritt führte.

Am selben Tag, wie oe24.at berichtet, sagte auch Weißmann selbst mehrere Stunden vor der Compliance-Stelle sowie den zugezogenen Anwälten der Kanzlei Brandl und Talos aus — jener Kanzlei, die er einst selbst mit der Prüfung des umstrittenen Pensionsvertrags von ORF-Manager Pius Strobl beauftragt hatte. Eine pikante Konstellation. Den vorgelegten Chats und Telefonabschriften widersprach Weißmann laut oe24.at nicht inhaltlich, beharrte aber auf dem Standpunkt, es habe sich um „einvernehmliche Chats“ gehandelt. Zudem behauptete er, selbst Fotos erhalten zu haben, und dass die Gesprächsverläufe „aus dem Zusammenhang gerissen“ seien — legte diese aber weder vor noch präsentierte er weitere Chatverläufe.

Rücktritt unter Druck — oder freiwillig?

Über die Umstände seines Abgangs wird bis heute gestritten. Wie orf.at berichtet, ließ Weißmanns Anwalt Oliver Scherbaum ausrichten, der Stiftungsrat habe seinem Mandanten eine Frist von wenigen Tagen eingeräumt, den Rücktritt zu erklären — obwohl die Vorwürfe inhaltlich noch gar nicht geprüft worden seien. Weißmann selbst behauptet laut oe24.at, von Stiftungsratschef Lederer und dessen Stellvertreter Schütze unter Druck gesetzt worden zu sein. Beide dementieren das. Stiftungsratsvorsitzender Lederer erklärte gegenüber dem Standard, er habe Weißmann lediglich ersucht, sich in anwaltliche Beratung zu begeben. Inzwischen stehen die beiden Stiftungsräte ihrerseits wegen fragwürdiger Beratungsmandate unter Druck.

Thurnher: „Volle Transparenz“ — aber wie lang?

Seit dem Rücktritt Weißmanns am 9. März 2026 führt Ingrid Thurnher interimistisch die Geschäfte des ORF. Sie kündigte laut nachrichten.at „volle Transparenz“ an und betonte, es dürfe „keine Form des Machtmissbrauchs in diesem Unternehmen geben.“ Nun, nach Abschluss der Compliance-Anhörungen, muss sie über die arbeitsrechtlichen Konsequenzen gegenüber Weißmann entscheiden.

Wie oe24.at berichtet, wird im ORF intern befürchtet, Thurnher könnte sich mehr Zeit lassen als nötig — und damit arbeitsrechtliche Fristen verstreichen lassen. Denn die Uhr tickt: Weißmann stellt Ansprüche von 3,2 Millionen Euro gegenüber dem ORF. Wie profil.at berichtet, ergibt sich diese Summe aus der entgangenen Generaldirektorengage bis Ende 2026, den verbleibenden Arbeitsjahren als Hauptabteilungsleiter sowie der regulären Abfertigung.

Strafanzeige und offene Chefsuche

Weißmann hat die Offensive ergriffen: Wie nachrichten.at berichtet, ließ er über seinen Anwalt Norbert Wess Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Wien einbringen — wegen des Verdachts strafrechtlich relevanten Verhaltens mehrerer involvierter Personen. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob ein Anfangsverdacht vorliegt.

Parallel läuft die Nachfolgesuche. Wie nachrichten.at berichtet, hat Stiftungsratsvorsitzender Lederer den ORF-Chefposten bis Ende 2026 ausgeschrieben, Bewerbungen sind bis 17. April möglich. Die Bestellung soll am 23. April erfolgen. Thurnhers Kandidatur gilt als wahrscheinlich, ihre Chancen werden allgemein als gut eingeschätzt.


Quellen:

  • oe24.at: 50 Seiten Weißmann-Chats: Jetzt soll ORF-Chefin entscheiden
  • orf.at: ORF-Generaldirektor Weißmann zurückgetreten
  • profil.at: Am Schauplatz Küniglberg: Untersuchung der Compliance-Stelle hat begonnen
  • derStandard.at: Ingrid Thurnher muss als ORF-Generalin über Weißmanns Dienstvertrag entscheiden
  • nachrichten.at: Nach Weißmann-Rücktritt: ORF-Chefposten bis Ende 2026 ausgeschrieben
  • nachrichten.at: Nach Rücktritt: Ex-ORF-General Roland Weißmann bringt Strafanzeige ein
  • salzburg24.at: ORF-Chef Weißmann tritt zurück, Ingrid Thurnher übernimmt

Credits: APA

Teilen:
0 0 Abgegebene Stimmen
Artikel Bewertung
Abonnieren
Benachrichtigung von
guest
0 Kommentare
Älteste
Neuestes Meistgewählt
0
Ich würde mich über Ihre Meinung freuen, bitte kommentieren Sie.x