Eine halbe Million Menschen auf dem Hippodrom, ein Kreuz aus Drohnen am Himmel – und Thompson auf der Bühne. Was wie ein Konzert beginnt, entwickelt sich in Zagreb zum patriotischen Erdbeben: Mehr als 500.000 Besucher, kein Gedränge, keine Ausschreitungen, aber dafür ein Ereignis, das viele Journalisten lieber verschwiegen hätten – exxtra24 bringt einen Nachbericht.
Während Hunderttausende singen, beten und weinen, reagieren westliche Medien mit betretenem Schweigen. Denn im Mittelpunkt steht ein Mann, den viele nur als Provokateur kennen – und Millionen als Stimme der Nation feiern: Marko Perković, besser bekannt als „Thompson“.
Schon im Vorfeld wurde klar: Das wird kein gewöhnliches Konzert. Nach nur einem Tag waren mehr als 280.000 Tickets verkauft. Am Ende kamen über eine halbe Million Menschen – so viele wie bei keinem anderen Solo-Konzert in Europa. Während bei anderen Großveranstaltungen oft Chaos herrscht, bleibt es hier ruhig. Es war ein detailreich organisiertes Fest mit klarer Botschaft: Kroatiens Herz schlägt weiter – laut, gläubig und unbeugsam.
Besonders brisant: Das Konzert findet ausgerechnet im links regierten Zagreb statt. Bürgermeister Tomašević von der radikalgrünen Možemo-Bewegung hatte sich in der Vergangenheit immer wieder abfällig über christliche Traditionen geäußert. Umso mehr dürfte ihn gestört haben, dass auf „seinem“ Stadtgebiet Hunderttausende unter dem Kreuz „Gelobt seien Jesus und Maria“ rufen.
Thompson ruft zur Rückbesinnung auf Familie, Glaube und Vaterland auf – das Publikum folgt ihm. Nicht als Fan-Meute, sondern als stille Masse, die weiß, was sie hier tut. Denn Perković ist mehr als ein Musiker. Er ist Veteran, Symbolfigur und vor allem ein kroatisches Phänomen.
Sein Künstlername stammt von der Maschinenpistole, mit der er einst als Freiwilliger an der Front kämpfte. Seine Lieder sind keine Ohrwürmer, sondern Hymnen, geprägt von Pathos, Folklore und christlicher Botschaft. Genau das macht ihn in westlichen Redaktionen zum Störfaktor. Denn Thompson entzieht sich den gängigen Kategorien: Er ist weder Popstar noch Parteigänger, sondern Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses, das sich nicht umerziehen lässt.
Während Kommentatoren in Berlin und Brüssel ihn zum Nationalisten stilisieren, sehen Hunderttausende in ihm schlicht das, was er verkörpert: ein Kroatien, das sich an seine Toten erinnert, an seine Wurzeln hält und sich nicht erklären muss. Dass er sich mehrfach öffentlich vom Faschismus distanziert hat, wird in westlichen Medien selten erwähnt. Zu sehr stört das etablierte Narrativ.
Natürlich bleibt auch der Gruß „Za dom spremni“ nicht unerwähnt: Das ist jener umstrittene Satz, mit dem Thompson sein berühmtestes Lied „Bojna Čavoglave“ beginnt. In Kroatien ist der Satz juristisch wie gesellschaftlich umstritten, das Verfassungsgericht erlaubt ihn unter bestimmten Bedingungen. Gegner sehen darin ein Relikt aus dunklen Zeiten, Unterstützer ein Symbol des Widerstands im Unabhängigkeitskrieg der 90er. Wer Thompson auf diesen einen Satz reduziert, blendet den historischen Kontext ebenso aus wie das Lebensgefühl einer Generation, die den Krieg nicht aus den Geschichtsbüchern kennt, sondern aus eigener Erfahrung. Die Diskussion bleibt wie immer hitzig. Aber sie gehört zur Realität des Landes. Wer das ignoriert, erzählt nichts über Kroatien, sondern nur über sich selbst.
Einer der bewegendsten Momente des Abends: Ein geistliches Lied, gemeinsam mit einem katholischen Priester. Auf den Bildschirmen: eine Kerze, daneben ein Text des Bischofs Ante Ivas. Gewidmet den Opfern von Bleiburg – jenen kroatischen Zivilisten und Soldaten, die von Tito-Partisanen ermordet wurden und deren Gedenken international noch immer tabuisiert wird. Der Ruf „Maranatha“ – „Komm, Herr!“ – wird zum spirituellen Höhepunkt.
Das ganze Konzert ist durchzogen von Symbolik: Drohnen formen das Kreuz, Lichter lassen Maria erscheinen. Eine Botschaft an den Westen mit Licht, Musik und Glauben. Es war kein Gottesdienst, aber auch kein bloßes Event. Es war eine Volksmesse im besten Sinn, getragen von Musik, Erinnerung und Hoffnung.
Die Reaktionen? Vorhersehbar. Die FAZ erkennt in all dem eine „Melange aus Kitsch, Kriegsromantik und Faschismusrehabilitierung“. Hunderttausende friedlich Versammelte? Kein Thema. In Serbien überschlägt sich Präsident Vučić mit Vorwürfen, spricht von einer „Schande für die EU“. Dabei war es genau das Gegenteil: ein Fest der europäischen Seele – auch mit Teilnehmern aus Österreich, Deutschland und Skandinavien. Aus ganz Österreich reisten Busse und Autokonvois an, vom Burgenland bis Vorarlberg. Für viele war es eine Rückkehr zu den Wurzeln. Während Brüssel abwinkt und Wien lieber schweigt, war Zagreb für viele Österreicher eine Erinnerung daran, dass Europa auch anders geht – mit Identität, nicht Ideologie.
Kroatien lebt – mit großem nationalem Bewusstsein
Was in Zagreb geschah, ist Teil einer langen Reihe: Bleiburg, Vukovar, Knin und jetzt das Hippodrom. Orte, die auch in vielen österreichischen Familiengeschichten nachhallen. Kroatien lebt durch Erinnerung, nicht durch das Vergessen. Diese Kontinuität durchzieht das nationale Bewusstsein wie ein roter Faden. Es geht nicht um Nostalgie, sondern um das Recht auf historische Wahrheit. Ein Recht, das man sich in Brüssel und Berlin erst wieder wird zurückerobern müssen.
Thompson präsentierte neue Lieder, darunter sein Album „Hodočasnik“ („Der Pilger“). Darin verwebt er persönliche Erfahrungen mit nationaler Erzählung. Besonders hängen bleibt der Satz: „Wenn du nicht weißt, was geschehen ist“ – ein leiser Appell gegen das große Vergessen. Zum Abschluss spricht er zu den Jungen: „Ihr seid stärker und standhafter als wir je waren. Wir Älteren können nun in Frieden sterben, denn wir haben Kroatien in sichere Hände gelegt.“ Selten war ein Stadion so still. Dieser Satz hat das Zeug zum Nationalzitat. Denn er spricht aus, was viele empfinden: Das Erbe wurde weitergegeben. Und es wird getragen.
Für viele Jugendliche war es das erste große Konzert ihres Lebens und zugleich ein Manifest. Keine Netflix-Idole, keine Dragshows, kein Zynismus. Sondern ein Mann mit Gitarre, Glaube und Geschichte.
Der Moment, in dem der Funke überspringt: nicht durch Pyrotechnik, sondern durch einen Satz, ein Symbol, ein Lied. Wer wissen will, wie kulturelle Weitergabe funktioniert, hätte nur nach Zagreb kommen müssen.
Gegen Ende des Konzerts erklingt noch einmal „Bojna Čavoglave“ – mit dem berühmten Gruß zu Beginn, der seit Jahren für Diskussionen sorgt. Für viele Kroaten kein Rückgriff auf die 1940er, sondern Ausdruck des Widerstands der 1990er. Das Lied spaltet, ja. Aber es wurzelt nicht im Faschismus, sondern im Freiheitskampf. Den Schlusspunkt setzt schließlich ein anderes Stück: „Lijepa li si“ – ein musikalisches Bekenntnis zur Heimat, das tausende Stimmen gemeinsam singen. Keine Provokation, sondern ein Versprechen: Kroatien lebt.
Denn was am 5. Juli in Zagreb geschah, war kein Einzelfall, sondern ein Fanal. In einer Zeit, in der Europa seine Wurzeln verleugnet, die Kirche dem Zeitgeist hinterherrennt und der Staat seine Identität verliert, sendet Kroatien ein klares Signal: Wir stehen noch. Wir glauben noch. Wir kämpfen noch. Nicht mit Steinen, sondern mit Liedern. Nicht mit Hass, sondern mit Hoffnung.
Zagreb wurde für einen Abend zur Hauptstadt eines anderen Europas – eines Europas mit Rückgrat, Geschichte und Herz. In Österreich leben über 100.000 Menschen mit kroatischen Wurzeln. Viele von ihnen verfolgten das Konzert mit Stolz, weil sie wissen, dass Herkunft kein Makel ist, sondern Verpflichtung.

Credits: APA
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