Das Pensionsalter soll steigen: Shettys Argument hat Lücken

Das Pensionsalter soll steigen: Shettys Argument hat Lücken

NEOS-Klubobmann Yannick Shetty argumentierte in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ für eine Anhebung des Pensionsantrittsalters. Die Diagnose stimmt. Aber die Therapie greift zu kurz — und lässt entscheidende Fragen unbeantwortet.

Was Shetty sagt — und was daran stimmt

Shettys Kernargument ist nicht falsch. Das österreichische Pensionssystem basiert auf dem Umlageverfahren: Wer heute einzahlt, finanziert die heutigen Pensionisten. Wenn die Zahl der Einzahler sinkt und die Zahl der Pensionisten steigt, gerät dieses Gleichgewicht unter Druck. Das ist demografische Realität, keine politische Meinung.

In der ORF-Diskussion „Im Zentrum“ brachte Shetty es auf den Punkt: „So zu tun und die Augen zu verschließen, dass man einfach weitermachen kann und den Zug mit 280 km/h gegen die Wand fahren lassen kann, das halte ich für verantwortungslos.“ Laut der langfristigen Budgetprognose 2025 des Parlaments lagen die gesamtstaatlichen Pensionsausgaben 2026 bei 15,8 Prozent des BIP — Tendenz steigend. Der Bundeszuschuss überschreitet laut der Alterssicherungskommission 2030 erstmals die Vier-Prozent-Marke des BIP.

Soweit hat Shetty recht.

Was er auslässt — und das ist entscheidend

Das Problem beginnt dort, wo die Analyse endet und die Forderung beginnt. Shetty sagt: Das Antrittsalter muss steigen. Was er nicht sagt: Für wen? Unter welchen Bedingungen? Mit welchen Ausnahmen?

Denn die gestiegene Lebenserwartung verteilt sich in Österreich nicht gleichmäßig. Wie die Österreichische Akademie der Wissenschaften in einer 2023 veröffentlichten Studie festhält, leben Männer aus einkommensschwachen Haushalten im Schnitt rund acht Jahre kürzer als jene aus einkommensstarken. Wer körperlich hart gearbeitet hat — auf dem Bau, in der Pflege, in der Fabrik — lebt statistisch deutlich kürzer und hat weniger Jahre, die er als Pension genießen kann. Eine pauschale Anhebung des Antrittsalters trifft genau diese Menschen doppelt: Sie arbeiten länger und haben statistisch weniger davon.

Die Alternativen, die NEOS nicht diskutieren

Shetty erklärt, warum das bestehende System nicht haltbar ist. Was er nicht erklärt: warum ausgerechnet ein höheres Antrittsalter die einzige oder wichtigste Stellschraube sein soll.

Andere EU-Länder setzen dabei auf unterschiedliche Instrumente. Schweden gewichtet Beitragsjahre stärker als ein fixes Antrittsalter. Deutschland erhöht schrittweise, mit klaren Ausnahmen für Schwerarbeiter. Österreich selbst hat das faktische Antrittsalter in den letzten 15 Jahren bereits um rund dreieinhalb Jahre erhöht — ohne Gesetzesänderung. Wie das Sozialministerium in seinem Monitoring festhält, liegt das faktische Antrittsalter der Männer bereits bei 62,5 Jahren.

Dazu kommt: Österreich besteuert Arbeit überdurchschnittlich stark und Vermögen unterdurchschnittlich schwach. Laut EU-Kommissions-Erhebung 2024 liegt Österreich bei der Steuerquote auf Arbeit im oberen Drittel der EU, bei Vermögenssteuern im unteren Drittel. Warum eine breitere Finanzierungsbasis — etwa durch Erbschaftssteuern auf große Vermögen — politisch kaum eine Rolle spielt: Diese Frage stellt Shetty in „Im Zentrum“ nicht.

Was fehlt

Shettys Analyse ist solide. Aber eine Partei, die das Pensionsproblem nur auf einer Seite der Gleichung lösen will — nämlich bei den Beziehern — und die andere Seite weitgehend unberührt lässt, liefert keine vollständige Antwort. Sie liefert eine politisch bequeme.

Ein höheres Pensionsantrittsalter mag Teil einer Lösung sein. Aber wer es als die Lösung verkauft, ohne die Verteilungsfrage zu stellen und ohne Schwerarbeiter, Pflegekräfte und körperlich Tätige explizit auszunehmen, fährt selbst ein Stück weit mit geschlossenen Augen.

Credits: Stamyx44, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

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