„Bildungspolitischer Irrweg“: Tiroler ÖVP attackiert Wiederkehr wegen Lehrplanreform

„Bildungspolitischer Irrweg“: Tiroler ÖVP attackiert Wiederkehr wegen Lehrplanreform

Die Kritik an Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) wegen seiner geplanten Lehrplanreform wird lauter. Nach ersten Irritationen aus der Bundes-ÖVP kommt nun scharfer Gegenwind aus Tirol. Der Tiroler ÖVP-Klubobmann Jakob Wolf wirft dem Minister vor, sich in „Symbolpolitik“ zu verlieren.

Klare Absage an Kürzungen bei Sprachen

„Wer ernsthaft glaubt, Latein oder eine umfassende Fremdsprachenbildung an unseren Gymnasien leichtfertig zurückdrängen zu können, befindet sich auf einem bildungspolitischen Irrweg“, erklärte Wolf laut oe24. Anstatt bestehende Herausforderungen im Bildungssystem bei der Wurzel zu packen, verliere sich Wiederkehr „zunehmend in Symbolpolitik“.

Wolf übt die Kritik in seiner Doppelfunktion als ÖVP-Klubobmann im Tiroler Landtag und als Obmann des Tiroler ÖVP-Bundes AAB (Arbeiter- und Angestelltenbund). Der 56-jährige Politiker aus Umhausen ist seit 2013 Klubchef der Tiroler Volkspartei.

Wiederkehrs Reformpläne im Überblick

Der Bildungsminister plant für die AHS-Oberstufe ab dem Schuljahr 2027/28 eine umfassende Lehrplanreform. Wie der ORF berichtet, soll das Fach „Informatik“ zu „Informatik und Künstliche Intelligenz“ ausgebaut werden – mit einer zusätzlichen Wochenstunde. Neu eingeführt werden soll außerdem das Fach „Medien und Demokratie“ mit zwei Wochenstunden über die gesamte Oberstufe.

Im Gegenzug plant Wiederkehr Kürzungen bei Latein: Statt bisher zwölf Stunden in der vierjährigen Oberstufe sollen es nur noch acht sein. Das bedeutet eine Reduktion von drei auf zwei Wochenstunden pro Schulstufe. In Realgymnasien, wo alternativ zu Latein eine zweite lebende Fremdsprache gewählt werden kann, sollen ebenfalls zwei Stunden gestrichen werden.

„Latein ist keine Nische, sondern Bildungsrealität“

Wolf verteidigt Latein vehement: „Sprache schafft Identität. Sprache ist Kultur. Und unsere kulturelle Identität ist Europa“, wird er von oe24 zitiert. Latein sei tief in nahezu allen europäischen Sprachen verwurzelt und eine unverzichtbare Grundlage für das Verständnis von Philosophie, Literatur, Geschichte und Politik.

Der ÖVP-Politiker, der selbst in Latein und Altgriechisch maturierte, verweist auf die praktische Relevanz: „Von Medizin, Pharmazie und Jus über Geschichte und Philosophie bis hin zu Musikwissenschaft, Anglistik oder Vergleichender Literaturwissenschaft reicht die Liste jener Fächer, in denen Lateinkenntnisse erforderlich sind.“

Forderung nach breitem Dialog

Wolf forderte einen umfassenden Austausch mit allen Beteiligten: „Was es jetzt braucht, sind ehrliche Fachgespräche zwischen allen Beteiligten im Bildungsbereich und keine einseitigen Schnellschüsse aus dem Ministerium.“

Ein bloßes Umschichten von Unterrichtsstunden zwischen Fächern sei keine echte Reform, kritisiert der Klubobmann. Die digitale Revolution samt künstlicher Intelligenz müsse fächerübergreifend gedacht werden, „aber ohne dabei bewährte Bildungsfundamente zu beschädigen“.

Breiter Widerstand gegen Reform

Die Kritik aus Tirol reiht sich ein in wachsenden Widerstand gegen Wiederkehrs Pläne. Wie news.at berichtet, haben bereits mehr als 36.000 Menschen eine Petition gegen die Kürzungen unterschrieben – darunter Nobelpreisträger wie Elfriede Jelinek, Peter Handke und Anton Zeilinger.

Auch mehr als 320 Wissenschaftler, Lehrkräfte und Experten haben laut schule.at einen offenen Brief gegen die Einschränkungen bei den zweiten lebenden Fremdsprachen unterzeichnet. Sie argumentieren, dass die Kürzungen dem europäischen Grundgedanken der Mehrsprachigkeit widersprechen.

ÖVP-Bildungssprecher bremst Pläne

Auch auf Bundesebene gibt es Widerstand aus der ÖVP. Bildungssprecher Nico Marchetti, der gleichzeitig ÖVP-Generalsekretär ist, stellte laut nachrichten.at klar: Die Reform der AHS-Oberstufenlehrpläne sei für ihn nicht fix, man sei hier erst „am Start“. Es gebe dazu weder Unterlagen noch Verhandlungstermine oder eine Einbindung der Personalvertretung.

Wiederkehr hält trotz der massiven Kritik an seinen Reformplänen fest. Die Diskussion um die Zukunft des österreichischen Bildungssystems dürfte damit erst am Anfang stehen.

Credits: APA

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