Es gab eine Zeit, da stand die SPÖ für sozialen Aufstieg, wirtschaftliche Vernunft und politische Verantwortung. Bruno Kreisky machte aus der Arbeiterbewegung eine moderne Volkspartei, Franz Vranitzky verband soziale Sicherheit mit wirtschaftlicher Kompetenz. Selbst unter Viktor Klima und Christian Kern blieb zumindest der Anspruch erkennbar, Österreich zu gestalten.
Und heute?
Heute steht an der Spitze dieser einst stolzen Partei Andreas Babler: ein selbst ernannter Marxist, politischer Funktionär und intellektueller Gartenzwerg, der große Worte produziert, seine Widersprüche verwaltet und aus jeder Niederlage einen moralischen Triumph konstruiert. An seiner Seite: „Prinzessin“ Klaus Seltenheim, jener Bundesgeschäftsführer, der von Niederösterreich bis in die Löwelstraße eine beachtliche Serie politischer Niederlagen begleitet hat – und dennoch auftritt wie der Architekt großer Wahlerfolge.
Babler verrät nicht nur die Geschichte der SPÖ, sondern auch ihre politische DNA: Arbeit und Leistung zu achten, sozialen Aufstieg zu ermöglichen, wirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen und breite Mehrheiten zu organisieren.
Historische Niederlage – ohne Verantwortung
Unter Babler erzielte die SPÖ bei der Nationalratswahl 2024 nur 21,1 Prozent – das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Während die FPÖ mit 28,8 Prozent erstmals auf Platz eins landete, wurde die SPÖ hinter einer massiv abgestürzten ÖVP nur Dritte.
Babler gelang damit Historisches: Er verlor gegen eine Volkspartei, die selbst mehr als elf Prozentpunkte eingebüßt hatte. Inzwischen liegt die SPÖ laut aktuellen Umfragen bei rund 14 Prozent – nur noch etwa einen Punkt vor den Grünen. Willkommen in der Babler-Blase.
Das eigentliche Kunststück folgte danach: Babler blieb Parteichef, wurde Vizekanzler und zog im März 2025 mit ÖVP und NEOS in die Regierung ein. Die SPÖ, die jahrelang gegen das „System ÖVP“ wetterte, wurde zum Juniorpartner genau jener Partei, die sie zuvor für nahezu alle Missstände verantwortlich gemacht hatte.
Aus dem lautstark angekündigten sozialistischen Aufbruch wurde ein zahnloser Koalitionskompromiss. Die große Vermögenssteuer schrumpfte zur Bankenabgabe, die Reichensteuer wich der Konsolidierungspolitik – und aus dem vermeintlich kompromisslosen Kämpfer gegen rechts wurde der augenzuckende Hofnarr des ÖVP-Kanzlers.
Natürlich besteht Politik aus Kompromissen. Das Problem ist nur: Zwischen Bablers revolutionärer Rhetorik und seiner tatsächlichen Regierungsarbeit liegt ein intellektueller Grand Canyon.
Große Worte, kleine Antworten
Babler spricht gern von Gerechtigkeit, Haltung, Solidarität und Zusammenhalt. Was fehlt, ist die Antwort auf die einfachste Frage: Wie soll es funktionieren – und wer bezahlt es?
Österreich kämpft mit hohen Schulden, schwachem Wachstum, steigenden Sozialausgaben, Bildungsproblemen und einem langfristig schwer finanzierbaren Pensionssystem. Gleichzeitig verliert die SPÖ ausgerechnet jene Menschen, deren Interessen sie angeblich vertritt: Arbeiter, kleine Angestellte und Menschen, die sich trotz Vollzeitarbeit das Leben kaum noch leisten können.
Diese Wähler sind nicht plötzlich alle „rechts“ oder „extremistisch“ geworden. Viele haben lediglich den Eindruck, dass die SPÖ ausführlicher über Minderheiten, Sprachregelungen und Symbolpolitik spricht als über Stromrechnungen, Mieten, Arbeitsplätze oder Sicherheit.
Während Kreisky Mehrheiten organisierte, organisiert Babler Influencer, die seine innigen Umarmungen mit New Yorker Straßenlaternen ins rechte Licht rücken.
Während Vranitzky Österreich wirtschaftspolitisch erklären konnte, erklärt Babler vor allem sich selbst.
Und während frühere SPÖ-Vorsitzende das Land führen wollten, wirkt Babler wie der Vorsitzende eines ideologischen Mickey-Mouse-Clubs, der zufällig in einer Bundesregierung gelandet ist.
Der MSc auf großer Fahrt
Auch Bablers akademische Selbstdarstellung passt ins Bild. Auf offiziellen Seiten wird der SPÖ-Chef stolz mit „MSc“ geführt. Nein, damit ist nicht das luxuriöse Kreuzfahrtschiff gemeint – obwohl auch hier mit großer Inszenierung, viel Nebel und gelegentlichem Orientierungsmangel zu rechnen ist.
Die drei imposanten Buchstaben stammen nicht aus einem klassischen Bachelor- und Masterstudium, sondern aus einem Weiterbildungslehrgang, zu dem damals unter bestimmten Voraussetzungen eine Zulassung ohne Matura möglich war.
Formal mag das Titelchen korrekt sein. Politisch passt es hervorragend zu Bablers Methode: drei große Buchstaben außen, ein deutlich kleineres Bildungsabenteuer dahinter. Die Verpackung verspricht eine akademische Weltreise – tatsächlich war es eher eine kurze Hafenrundfahrt.
Deshalb ist Babler für mich ein intellektueller Gartenzwerg. Nicht wegen seiner Herkunft oder seines fehlenden klassischen Studiums. Die Sozialdemokratie war immer dann stark, wenn sie Menschen unabhängig von ihrer Herkunft nach oben brachte.
Gemeint ist die enorme Diskrepanz zwischen Bablers Selbstinszenierung und seiner politischen Größe. Er tritt auf wie der letzte große Theoretiker der europäischen Sozialdemokratie, bietet aber weder eine überzeugende Wirtschaftspolitik noch eine Strategie gegen den Aufstieg der FPÖ oder klare Antworten auf Migration, Bildung und die Finanzierung des Sozialstaats.
„My flowers are beautiful“ – Englisch à la Louis de Funès
Kürzlich fragte mich ein deutscher Medienkollege in München irritiert: „Stimmt es wirklich, dass Ihr Vizekanzler und SPÖ-Chef derart schlecht Englisch spricht?“
Ich konnte ihn beruhigen: „Keine Sorge – auf Deutsch versteht man ihn auch nicht besser.“
Sprachlich betrachtet ist Babler damit immerhin international konsequent.
Der Apparat schützt sich selbst
Babler trägt nicht allein die Schuld am Niedergang der SPÖ. Die Partei beschäftigt sich seit Jahren lieber mit Flügelkämpfen als mit den Problemen des Landes. Pamela Rendi-Wagner wurde intern zermürbt, Christian Kern verließ frustriert die Bühne. Landesorganisationen, Gewerkschaften, Wiener Rathauspartei und Bundespartei verfolgen längst keine gemeinsame Linie mehr.
Babler hat diesen Zustand nicht überwunden. Er ist sein sichtbarster Ausdruck.
Und Klaus Seltenheim? Er verkörpert einen Parteiapparat, in dem politische Verantwortung offenbar nur für andere gilt. Wahlniederlagen bleiben ohne personelle Konsequenzen, strategische Fehler werden schöngeredet. Wer im richtigen Netzwerk sitzt, darf auch nach der nächsten Pleite erklären, die Wähler hätten bloß die Botschaft nicht verstanden.
So schützt der Apparat seine Funktionäre, während er seine Wähler verliert.
Die SPÖ hat ihre DNA verloren
Österreich bräuchte eine Sozialdemokratie, die Leistung mit sozialer Sicherheit verbindet, qualifizierte Zuwanderung ermöglicht, illegale Migration begrenzt und Integration einfordert. Eine Partei, die Arbeitnehmer schützt, ohne Unternehmer zu Gegnern zu erklären, und den Sozialstaat durch notwendige Reformen langfristig absichert.
Das war die politische DNA der SPÖ: soziale Verantwortung ohne wirtschaftliche Naivität, Solidarität ohne Realitätsverweigerung und Aufstieg durch Bildung, Arbeit und Leistung.
Stattdessen bekommt Österreich einen Parteichef, der Niederlagen sprachlich umdeutet, seine Basis mit linken Parolen beruhigt und in der Regierung jene Kompromisse mitträgt, die er außerhalb vermutlich lautstark bekämpfen würde.
Die historische SPÖ wollte das Leben der Menschen verbessern. Die heutige SPÖ möchte vor allem die richtige Haltung demonstrieren.
Babler hat die Geschichte und DNA dieser Partei nicht erneuert, sondern entkernt. Er hat ihre Sprache verloren, ihre Glaubwürdigkeit verspielt und ihre Stammwähler politisch heimatlos gemacht. Er verwechselt moralische Überheblichkeit mit politischer Intelligenz, Funktionärstreue mit Zustimmung und eine akademisch klingende Verpackung mit tatsächlicher Kompetenz.
Zwei mal drei macht vier – und 14 Prozent sind (s)ein Erfolg
Nicht, weil Österreich keine Sozialdemokratie braucht. Sondern weil Österreich endlich wieder eine Sozialdemokratie verdient hätte, die ihre Geschichte kennt, ihre DNA versteht und diesen Namen auch verdient.
Neueste Kommentare