Das berüchtigte Al-Hol-Lager in Nordostsyrien ist leer. Tausende IS-Anhänger und ihre Angehörigen sind weg – und niemand weiß, wo sie sind. Die Warnung der Experten ist eindeutig.
Innerhalb von Wochen geleert
Was sich im Februar 2026 im Nordosten Syriens ereignete, überraschte selbst erfahrene Geheimdienstanalysten in seiner Geschwindigkeit. Das berüchtigte Al-Hol-Lager, einst Heimat von rund 24.000 Menschen mit mutmaßlichen IS-Verbindungen, ist nun leer und geschlossen. Die letzten verbliebenen Familien wurden in andere Lager in Syrien und den Irak verlegt. The National
Laut dem Wall Street Journal schätzen US-Geheimdienste, dass zwischen 15.000 und 20.000 Menschen – darunter IS-Anhänger und deren Angehörige – nach dem Zusammenbruch des Lagers unkontrolliert in Syrien unterwegs sind. Tausende Gefangene gelangten durch Lücken im Lagerzaun nach draußen und verstreuten sich im ganzen Land – einige sollen illegal nach Irak und in die Türkei geflüchtet sein. Yalibnan
Wie es dazu kam: Machtvakuum nach dem Wächserwechsel
Der Zusammenbruch hat eine klare Vorgeschichte. Am 20. Januar 2026 zog sich die kurdische SDF nach einer Offensive der syrischen Übergangsregierung aus dem Lager zurück. Einen Tag später übernahmen Regierungskräfte die Kontrolle. Wikipedia Das Problem: Es entstand ein stundenlanger Sicherheitsvakuum während der chaotischen Übergabe. Über die darauffolgenden Wochen hinweg gab es einen stetigen Strom von Ausbrüchen – ermöglicht durch Schlepper, laxe Bewachung und teils wohlwollende Wächter. New Arab
Die syrische Übergangsregierung macht die Kurden verantwortlich – die SDF habe das Lager zeitweise unbewacht hinterlassen. Die US-Seite sieht es laut Exxpress anders: Sie führt den Kollaps auf Missmanagement und unzureichende Sicherung des weitläufigen Lagerperimeters durch die Damaszener Übergangsregierung zurück. Die SDF wird zudem beschuldigt, vor ihrem Abzug Verwaltungsunterlagen und Teile des Überwachungssystems zerstört zu haben. Substack
Experte: „Ein Desaster mit Ansage“
Für Terrorismusexperte Thomas Renard vom International Center for Counter-Terrorism kommt das Ergebnis nicht überraschend. In der ARD-Tagesschau bezeichnete er das Geschehen als „Desaster mit Ansage“: Man habe seit Jahren gewarnt, Al-Hol sei eine „tickende Zeitbombe“. Jetzt gebe es eine unkontrollierte Flucht – und der IS werde das propagandistisch als Sieg feiern. Renard sieht den IS in Syrien klar im Aufwind: Die Organisation agiere mit rund 3.000 Kämpfern plus Sympathisanten und sei deutlich aggressiver bei Anschlägen.
Der IS hat in der Tat unmittelbar reagiert: Am Wochenende bekannte er sich zu zwei Angriffen auf syrische Armeeangehörige im Norden und Osten des Landes und rief eine „neue Phase“ seiner Operationen gegen die Übergangsregierung von Ahmed al-Scharaa aus. Pravda DE
USA verlegen Gefangene – und ziehen ab
Die USA reagierten parallel auf doppelte Weise: militärisch und durch Rückzug. Am 5. Februar kündigten die USA an, bis zu 7.000 als gefährlich eingestufte IS-Häftlinge aus Gefängnissen in Nordostsyrien in den Irak zu verlegen – ein klares Signal des Misstrauens gegenüber Syriens Sicherheitsfähigkeiten. Substack Gleichzeitig setzen die USA ihren Truppenabzug fort; die rund 1.000 verbliebenen US-Soldaten könnten bereits bis März das Land verlassen haben.
Iraks Außenminister Fuad Hussein zeigte sich gegenüber internationalen Medien tief besorgt: Der IS sei in Syrien „gerade sehr aktiv“, viele Menschen hingen weiter der Ideologie an – „das ist sehr gefährlich.“
Wer war überhaupt im Lager?
Al-Hol war kein gewöhnliches Gefängnis. Die meisten Insassen waren de facto ohne Anklage oder Urteil über Jahre festgehalten worden – nicht-verurteilte Frauen und Kinder, die im früheren IS-Califat gelebt hatten. The Messenger Eine UN-Studie ergab zuvor, dass bis zu ein Viertel der Lagerinsassen keine nachweisbare IS-Verbindung hatte. Zugleich galt Al-Hol vielen Beobachtern als Brutstätte weiterer Radikalisierung – insbesondere für die dort aufwachsenden Kinder, die jahrelang isoliert und ideologisch geprägt wurden. exxpress
Unklar bleibt, was mit ausländischen IS-Anhängern geschieht: Australien verweigert die Rückübernahme eigener Staatsbürger. Auch aus Europa stammende Insassen befanden sich im Lager. Der Hochrisikobereich für ausländische Frauen und Kinder ist nun weitgehend leer – viele sollen über Schmugglernetzwerke nach Idlib gelangt sein. The National
Ob die Auflösung des Lagers dem IS nun tatsächlich neuen Auftrieb verschafft, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen.
Quellen: Exxpress.at (24.02.2026), Wall Street Journal, The National (23.02.2026 & 20.02.2026), The New Arab (18.02.2026), Kurdpress (22.02.2026), ARD Tagesschau (Thomas Renard/ICCT), Pravda DE (22.02.2026), taz.de, Associated Press via Washington Times (22.02.2026), Wikipedia/Al-Hawl refugee camp
Credits: APA
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