Ein astronomisches Naturschauspiel wird am Mittwochabend zum handfesten technischen Stresstest für Europas Stromversorgung: Die Sonnenfinsternis lässt die Solarstromproduktion binnen weniger Minuten einbrechen – ausgerechnet während einer historischen Hitzewelle mit ohnehin angespannten Energiemärkten.
9,7 Gigawatt fallen europaweit weg
Nach Berechnungen des europäischen Verbands der Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E könnte die Solarstromerzeugung unter klarem Himmel europaweit um bis zu 9,7 Gigawatt zurückgehen – und zwar in dem Zeitfenster zwischen 19:15 und 21:30 Uhr, wie ENTSO-E in einer offiziellen Mitteilung bekanntgab. Solarenergie macht mittlerweile rund 13 Prozent der gesamten EU-Stromerzeugung aus, wie der Verband ergänzt. Am stärksten betroffen sind laut ENTSO-E Spanien und Deutschland: In Spanien, wo die Sonne bei der totalen Verfinsterung vollständig verdeckt wird, rechnet der Netzbetreiber Red Eléctrica mit einem Rückgang von bis zu 5 Gigawatt – das entspricht laut dem Portal „Trending Topics“ rund 13 Prozent der typischen Mittwochabend-Spitzenlast des Landes. Der deutsche Übertragungsnetzbetreiber-Verbund aus 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW erwartet hingegen nur einen Rückgang von rund zwei Gigawatt – bei einer installierten Photovoltaikleistung von mehr als 125 Gigawatt in Deutschland ein vergleichsweise geringer Anteil.
Ein ungünstiger Zeitpunkt: Hitzewelle und Niedrigwasser
Was die Situation zusätzlich verschärft, ist der Zeitpunkt: Europa erlebt derzeit bereits die fünfte Hitzewelle des Jahres, wie oe24 berichtet. Der Strombedarf für Klimatisierung und Kühlung ist entsprechend hoch, während gleichzeitig weiträumig Windstille herrscht und kaum Windenergie zur Verfügung steht. Zusätzlich verstärkt wird der Druck laut dem Fachportal „energynews.pro“ durch die anhaltende Dürre entlang der Donau, die bereits mehrere Atomkraftwerke in der Region unter Stress gesetzt hat. Diese Gemengelage schlägt sich direkt auf die Preise durch: Laut oe24 schoss der Großhandelspreis an der Strombörse zwischen 19:45 und 20:00 Uhr auf 461,17 Euro je Megawattstunde – ein Aufschlag von 205 Euro gegenüber dem Vortag.
Netzbetreiber sehen keine Gefahr für die Versorgungssicherheit
Trotz der dramatischen Zahlen betonen die Netzbetreiber unisono, dass die reguläre Stromversorgung nicht gefährdet ist. ENTSO-E hat dafür bereits am 7. August eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet, die die Lage laufend beobachtet und bei Bedarf kurzfristig eingreifen kann. Auch der österreichische Übertragungsnetzbetreiber APG erklärte, das Ereignis im Vorfeld genau analysiert und in seine Prognosen eingerechnet zu haben – besondere Maßnahmen seien nicht notwendig, die Stromversorgung in Österreich sei gesichert, wie das Portal „Trending Topics“ berichtet. Laut oe24 wurden zudem geplante Netzwartungsarbeiten im Vorfeld bewusst verschoben, um zusätzliche Kapazitäten bereitzuhalten.
Haushalte spüren wenig – außer bei dynamischen Tarifen
Für gewöhnliche Haushaltskunden bleibt die Belastung laut oe24 weitgehend unsichtbar, da klassische Stromtarife derartige kurzfristige Preisschwankungen abfedern. Anders sieht es bei Nutzern dynamischer Stromtarife aus: Ihnen wird empfohlen, stromintensive Tätigkeiten wie Wäschewaschen am Abend besser zu verschieben. Der britische Energieversorger Octopus Energy geht laut dem Portal „Trending Topics“ sogar noch weiter und bittet seine Kunden aktiv darum, Waschmaschine und Geschirrspüler zwischen 18 und 20 Uhr britischer Zeit nicht zu benutzen.
Ein kalkulierbares Ereignis statt einer echten Bedrohung
Wie der britische Energieprognostiker Ryan Carson vom nationalen Netzbetreiber NESO gegenüber dem Portal „Briefs“ betonte, handelt es sich bei der aktuellen Situation um kein überraschendes Risiko: Man bereite sich bereits seit rund einem Jahr auf das Ereignis vor, dessen genauer Zeitpunkt sich astronomisch Jahrhunderte im Voraus berechnen lasse. Der Umstand, dass die Verfinsterung am Abend eintritt, wenn andere Kraftwerke ohnehin bereits ihre Leistung für die abendliche Nachfrage hochfahren, mildert den Effekt zusätzlich ab – Gas-, Wasser- und Atomkraftwerke sollen die Lücke auffangen. Für die europäischen Netzbetreiber gilt die heutige Sonnenfinsternis damit weniger als Bedrohungsszenario, sondern vielmehr als Bewährungsprobe für ein Stromnetz, das mit erneuerbaren Energien mittlerweile deutlich flexibler agieren muss als noch vor wenigen Jahren.
Neueste Kommentare