Messenger-Überwachung, Familienzusammenführungsstopp, Spritpreisbremse — seit NEOS im März 2025 in die Bundesregierung eingetreten ist, verlassen prominente Köpfe die Partei oder stimmen offen gegen sie. Die Frage ist längst nicht mehr, ob etwas schiefläuft. Die Frage ist: Wie viel von der liberalen Seele ist noch übrig?
Der erste Schuss fiel im Juli 2025
Vier Monate nach dem Regierungseintritt kam der erste offene Bruch. Am 9. Juli 2025 beschloss der Nationalrat die Messenger-Überwachung — die staatliche Möglichkeit, verschlüsselte Kommunikation via WhatsApp oder Signal unter bestimmten Voraussetzungen mitlesen zu können. Die NEOS-Fraktion stimmte zu. Zwei nicht. Wie NÖN berichtet, verweigerten ausgerechnet die prominentesten NEOS-Abgeordneten — Nikolaus Scherak und Stephanie Krisper — die Gefolgschaft. Scherak begründete es laut exxtra24.at unmissverständlich: „Ich bin tief davon überzeugt, dass NEOS als liberale Partei solche staatliche Überwachungssoftware nicht unterstützen kann.“ Krisper erklärte gegenüber puls24.at, das Gesetz mache Österreich „nicht sicherer.“
Wer gegangen ist — und warum
Stephanie Krisper, langjährige Vizeklubobfrau, Menschenrechtsexpertin und NEOS-Gesicht in zahlreichen Untersuchungsausschüssen, kündigte im Oktober 2025 ihren Rückzug aus dem Nationalrat an. Wie ORF berichtet, begründete sie den Schritt damit, ihr Wirkungsbereich habe sich mit der Regierungsbeteiligung „derart reduziert“, dass sie „keinen Sinn in ihrer parlamentarischen Tätigkeit mehr sehe.“ Gegenüber vol.at wurde sie noch klarer: „Bei meinen Herzensthemen sind nicht nur die Abstriche sehr groß. Es kam auch zu Veränderungen in der Haltung bei NEOS als Regierungspartei.“ Für sie sei ein „Loyalitätskonflikt“ entstanden — zwischen dem, wofür sie jahrelang stand, und dem, was die Partei in der Regierung daraus gemacht hatte.
Lisa Aldali, Landessprecherin von NEOS Salzburg, legte laut Wikipedia bereits im Jänner 2025 — noch vor dem Regierungseintritt — ihr Amt zurück. Ihr Abgang fiel in die turbulente Phase der geplatzten Koalitionsverhandlungen.
Dominik Oberhofer, Landessprecher von NEOS Tirol, wurde im November 2025 abgelöst. Birgit Obermüller übernahm die Funktion.
Gerald Loacker, elf Jahre lang einer der profiliertesten NEOS-Abgeordneten im Nationalrat und schärfster Pensionskritiker der Partei, hatte bereits vor der Nationalratswahl 2024 angekündigt, nicht mehr zu kandidieren. Wie puls24.at berichtet, begründete er das selbst mit seinem Versprechen „Freiheit leben statt Sesselkleben“ — kein inhaltlicher Protest, aber ein früher Abgang eines liberalen Urgesteins. Pikant: Im März 2026 nominierte NEOS ihn für den EU-Rechnungshof. Wie nachrichten.at berichtet, hagelte es umgehend Kritik — FPÖ und Grüne warfen den Pinken Postenschacher vor, ausgerechnet jener Partei, die jahrelang mit Transparenz und Objektivität geworben hatte.
Wer blieb — und trotzdem Nein sagt
Nikolaus Scherak ist der prominenteste Dissident im eigenen Klub. Im Juli 2025 stimmte er gegen die Messenger-Überwachung. Am 25. März 2026 verließ er laut exxpress.at als einziger NEOS-Abgeordneter vor der Abstimmung über die Spritpreisbremse den Sitzungssaal — alle anderen 17 Mandatare stimmten zu. Agenda-Austria-Chef Franz Schellhorn kommentierte auf X: „Man kann nur froh sein, dass es in diesem Land noch Politiker wie Niki Scherak gibt, die diesem regulatorischen Irrsinn die Zustimmung verweigern.“ Im Netz kursierte danach der Satz: „NEOS-Parlamentsklub: 1 Liberaler, 17 angeblich Liberale.“
NEOS-Frauensprecherin Karin Doppelbauer stimmte der Spritpreisbremse zwar zu, ließ laut Parlamentskorrespondenz aber ausrichten, sie werde einen solchen Markteingriff als Liberale nicht „feiern.“
Hat die Regierung die Partei verändert?
Das Muster der Abgänge und Abweichungen ist klar: Es geht nicht um persönliche Differenzen, sondern um inhaltliche Kehrtwenden bei Kernthemen — Bürgerrechte, Menschenrechte, Marktfreiheit. Krisper formulierte es bei ihrem Abgang gegenüber profil.at auf den Punkt: „Wie viel bleibt von unserer Haltung für Menschenrechte und Rechtsstaat? Respektieren wir die Verfassung — oder reizen wir die Grenzen zu sehr aus?“ Die Wähler scheinen eine Antwort gefunden zu haben. Wie exxtra24.at unter Berufung auf eine Lazarsfeld-Umfrage (März 2026) berichtet, liegen die NEOS nur noch bei 7 Prozent — zwei Prozentpunkte unter ihrem Wahlergebnis von 2024 und weit unter den 10 bis 14 Prozent, die sie vor dem Regierungseintritt in Umfragen hielten.
Quellen:
- ORF: Kein Sinn mehr — NEOS-Vizeklubchefin Krisper geht (10.10.2025) — orf.at
- vol.at: Stephanie Krisper legt Mandat wegen Loyalitätskonflikt nieder (10.10.2025) — vol.at
- puls24.at: Zwist bei NEOS: Krisper gegen Messenger-Überwachung (18.06.2025) — puls24.at
- NÖN: Messenger-Überwachung trotz starken Widerstands beschlossen (09.07.2025) — noen.at
- puls24.at: Gerald Loacker tritt nicht mehr für NEOS an (30.10.2023) — puls24.at
- nachrichten.at: NEOS nominieren Gerald Loacker für den EU-Rechnungshof (09.03.2026) — nachrichten.at
- exxpress.at / exxtra24.at: Spritpreisbremse — NEOS-Mann Scherak sagt Nein (25.03.2026)
- profil.at: Abgang einer Promi-Abgeordneten: Stecken die Neos in der Krise? (10.10.2025) — profil.at
- exxtra24.at: NEOS auf Tiefstand: 7 Prozent — und die Partei kämpft mit sich selbst (27.03.2026) — exxtra24.at
- Wikipedia: NEOS — Das Neue Österreich und Liberales Forum — de.wikipedia.org
Credits: APA
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